„Ja, also, verehrter Herr Grau —“ Er müsse doch zugeben — selbst wenn er mit allem und allem unzufrieden sei — er müsse doch gestehen, daß die Wissenschaft in verschiedene Dinge Klarheit gebracht habe, eine ganz unglaubliche Anzahl von Vorurteilen, den schwärzesten Vorurteilen, habe sie zerstört, Aberglaube und naive Vorstellungen habe sie in Grund und Boden hineingeritten —

„Natürlich gebe ich das zu. Ich habe den allergrößten Respekt vor der Wissenschaft und ziehe den Hut vor ihren großen Männern. Wo habe ich denn behauptet, daß ich, ein kleiner und einfacher Mensch — das wäre ja geradezu kühn —“

„Gut, gut! Der ganze Wunderglaube, zum Beispiel, zum Teufel ist er! Pardon! Aber er ist zum Teufel, einfach wie weggeblasen. Kein Kind kann heutzutage mehr glauben, daß jemand Wasser in Wein verwandelt oder fünftausend Halunken mit einem Groschenkipf speist. He?“

„Natürlich, das ist Fabel!“

„Bravo, bravo! Also endlich —“

„Im übrigen,“ fügte Grau hinzu, „wer weiß, ob es nicht doch ein wahres Geschehnis ist? Wie schön ist aber jenes große Gefühl, jenes Verlangen nach dem Außerordentlichen, jene Sehnsucht nach dem Wunderbaren? Nicht wahr? Ergreifend ist das! Und oft glaube ich es auch, ich glaube es. Ich bin geneigt, das Unglaublichste zu glauben, gerade weil ich es nicht begreifen kann —“

„Nun aber, Verehrter, der gesunde Menschenverstand — wo bleibt da der gesunde Menschenverstand? Ich bitte, Ehrwürdiger, der gesunde Menschenverstand muß doch auch auf seine Rechnung kommen?“

Grau lächelte. „Der gesunde Menschenverstand?“ sagte er. „Was ist es eigentlich damit? Ich muß Ihnen gestehen, Herr Professor, daß mein Verstand, obwohl ich annehme, daß er vollständig gesund ist, mich sehr häufig im Stiche läßt. Derselbe gesunde Menschenverstand hat schon ganze Völker und Zeitalter betrogen. Legen Sie mir einen Kirschkern her und behaupten Sie, es wird ein Baum daraus werden mit Blättern, Blüten, Kirschen, verzeihen Sie, mein gesunder Verstand wird es nicht für möglich halten. Sagen Sie mir, die Erde fliegt mit einer ungeheuren Geschwindigkeit von so und soviel Meilen um die Sonne, ich werde sagen, entschuldigen Sie, mein gesunder Menschenverstand begreift das nicht. Ich werfe einen Stein, der Stein fliegt, ich begreife das nicht, nicht einmal das. Ich muß Ihnen leider gestehen, daß ich mich auf meinen gesunden Verstand nicht einmal bei den einfachsten Dingen verlassen kann, von komplizierteren gar nicht zu sprechen.“

Hm, hm.

„Aber Verehrter, Sie geben trotzdem zu, daß Ihr gesunder Menschenverstand den Wunderglauben abweist, nicht wahr? Man soll nur die Wissenschaft arbeiten lassen — Hölle und Tod! — sie wird ihr Werk der Aufklärung schon vollbringen. Auch die Schöpfung, wie die Bibel sie darstellt, das ist wohl eine Fabel oder nicht?“