„Natürlich ist das eine Fabel, aber —“
Redakteur Heinrich stand auf und drückte Grau die Hand. „Redefreiheit für jedermann! Wir sind unter uns!“ sagte er mit einem gönnerhaften Schmunzeln. „Sie können sich nach Belieben und ganz frei äußern, niemand wird ein Wort erfahren. Ein Wort, ein Mann!“
„Aha, die Damen haben Glück! Ich habe diesmal nicht gesetzt, Eisenhut, schreie nicht so! Ich erlaube mir die Behauptung auszusprechen, daß, wenn die Aufklärung, die Wissenschaft in alle Schichten und Poren des Volkes gedrungen ist — all der Zauber, Aberglaube und Irrtum werden wie Wachs schmelzen — ja was dann? — Ich erlaube mir zu behaupten, daß die Religion dann bankerott ist, einfach. Sie kann ruhig die Bude schließen, ruhig! Ich bitte wegen des starken Ausdrucks um Entschuldigung, aber es ist so, bei allen Teufeln, um kein Haar anders ist es.“
„Bitte,“ sagte Grau, „es ist ja nur eine Formsache, die nichts zu sagen hat. Also, das glauben Sie? Aber ich glaube, je mehr die Wissenschaft erkennen wird, desto mehr wird sich das religiöse Gefühl steigern, es wird nicht verschwinden, es wird im Gegenteil wachsen, ungeheuer anwachsen. Denn die Wissenschaft wird Wunder um Wunder aufdecken, es wird alles verwirrender und verwirrender, unfaßbarer werden. Der Gottesbegriff verliert natürlich die einfache naive Form, er wird sich mehr und mehr verfeinern, vergeistigen; je wissender und größer der Mensch wird, desto erhabener und größer und unfaßbarer wird sein Gott. Das Mysterium wird gewaltiger, je mehr man in dasselbe hineinsieht —“
„Ich glaube, es bereitet sich eine Zeit vor mit einem so tiefen religiösen Gefühl, daß es dem Wahnsinn gleich kommt.“
„Glauben Sie, Herr Grau! Wenn man aber einem Menschen begreiflich macht, daß vor etlichen Millionen Jahren der Mensch noch gar nicht existierte? Wie? Was denn, was denn? Gott?“
Grau sah ihn erstaunt an. „Wenn es jetzt keinen Menschen gäbe,“ versetzte er lächelnd, „so gäbe es allerdings kein menschliches religiöses Gefühl. Aber es handelt sich ja bei dieser Frage weniger um die Existenz des Menschen als um das Dasein Gottes. Ob der Mensch existiert und seit wann, das ist ja nebensächlicher Natur.“ Grau lächelte. „Es ist merkwürdig wie sehr Sie an die Naturwissenschaften glauben,“ fuhr er fort, „ich verehre die modernen Naturwissenschaften und verdanke ihnen zum größten Teil meiner Erziehung — allein so unumstößlich wahr sind ihre Thesen nicht, glaube ich. Vielleicht lacht man in einigen hundert Jahren über einen Anhänger der jetzigen Entwickelungslehre ebenso, wie man in unseren Tagen über jemand lacht, der noch glaubt, der Mensch sei von Gott aus Erde geformt worden. Bitte, erschrecken Sie nicht, ich selbst bin nicht dieser Meinung, sondern ich finde die Behauptungen der modernen Wissenschaft für höchst annehmbar. Aber was soll das sagen, nicht wahr?“
„Wie!“ Der dicke Chinese lachte und schrie. „Alles, alles mein Herr, alles! Ich bitte Sie, die Konsequenzen — die Konsequenzen! Fassen Sie die Konsequenzen ins Auge!“ heulte er triumphierend.
Erstens also sei — und zweitens —
Adele lachte. Sie hielt die Bank und gewann fortwährend.