„Ich höre, sprechen Sie, Eisenhut!“ sagte Grau.
Eisenhut atmete tief und begann: „Eines Nachts da klopft es an meine Türe — ich muß es Ihnen sagen, ich muß! — es klopft, ich horche, es klopft an der Türe, die zum Garten führt. Ha! denke ich, wer, bei allen Teufeln, soll denn mitten in der Nacht an der Türe, der hintern Türe klopfen? Bum, bum! Die Haare stehen mir zu Berg, ich bekomme Angst und es siedet in meinem Kopfe. Ich sitze hier an meinem Tische wie aus Stein. Vielleicht sind es Diebe oder Mörder, die dich hinauslocken wollen? Nero beginnt zu kläffen. Pack, pack! sage ich, pack Nero, und öffne die Türe und er kollert die Treppe hinunter und bellt. Bum, bum! Ich gehe ins Schlafzimmer, nehme das Gewehr und öffne vorsichtig ein Fenster. Wer ist da! schreie ich laut, aus Angst schreie ich so laut. Jemand lacht leise im Garten. Ja, zur Hölle mit dir, wer kann denn im Garten lachen, das ist doch unerhört! Wer ist da? Es ist eine Dame, deren Stimme ich kenne.“ Hier hielt Eisenhut inne und blickte auf Grau. Ein Schatten fiel über sein Gesicht, nur das Kinn war beleuchtet und Grau sah, daß sein Mund lächelte, so wie der eines Menschen, der horcht und lächelt zu gleicher Zeit. „Es sind weder Diebe noch Mörder,“ fuhr er fort „es ist ja eine Dame, die du kennst. Sie hat mit mir zu sprechen. Was um alles in der Welt — es ist ja Nacht — tiefe Nacht! — Ich öffne. Sie tritt ein und lacht. Was ist das eigentlich mit den Hunden, vor denen gewarnt wird, und mit den Fußangeln und Selbstschüssen in Ihrem Garten, sagt sie und lacht als ob es heller Tag wäre. Bitte? Ja, das sei eine Finte, um das Gesindel abzuschrecken. Nichts ist wahr daran! Nun also, bitte? Sie habe mit mir zu sprechen. Bitte, sage ich, bitte, hier ist es finster ich bringe Licht, Licht, sofort, sofort, bitte, gnädiges Fräulein. Hier sitzt sie also, hier, mein lieber Herr, hier, wo Sie jetzt sitzen. Es ist zwei Uhr nachts, es ist Sommer. Geben Sie mir noch ein Glas Grog, ich muß trinken, ich freue mich. Sie sitzt hier, sie hat dringend mit mir zu sprechen. Es war am dritten Juni, nachts zwei Uhr. Sie kommt mit einer großen Bitte, sie weiß nicht, ob ich sie ihr erfüllen werde. Bitte, bitte, sage ich, mein gnädiges Fräulein — nein, sie will nichts trinken, sie hat es auch sehr eilig, es tut ihr leid, daß sie nicht immer liebenswürdig mit mir umging. Ich muß verzeihen, Launen, sie ist sehr launisch. So sprach sie, so freundlich und blickte mir in die Augen. Sie sagte einfach Eisenhut, nicht Herr Eisenhut, nein, gibt’s nicht, Eisenhut bin ich. Bitte, sage ich, wenn es in meiner Macht steht? Ja, es steht in Ihrer Macht, es ist so leicht für Sie, Eisenhut. — Eisenhut, einfach Eisenhut! — Sie hat ein hellrotes Tuch um die Schultern geschlungen und blickt mich an. Es hätten sich zu Hause Dinge ereignet, die unangenehmsten Dinge —. Geld! Auch sie wollte Geld von mir! Sie sind ja doch kein Geizhals, Eisenhut, sagte sie. Eine plötzliche Forderung — hm — ihre Mutter sei sterbenskrank, das ganze Haus, nun käme sie zu mir, sie habe Vertrauen zu meiner Güte. Güte? denke ich. Sie lügt, sie will Geld. Da sitzt sie nun, sie blickt mich an, sie tut ganz gleichgültig, spricht als ob sie vom Wetter spreche, aber sie bebt, sie bebt! Warum soll ich nicht helfen, denke ich, warum nicht? Die Familie ist verschuldet, das Geld ist verloren, ich kann es ebensogut einem Hunde zum Fressen geben — niemals wirst du auch einen Pfennig wieder sehen! — aber da sitzt sie ja, ich sehe wie sie innerlich zittert. Das freut mich — unsäglich! Da sitzt sie, früher, da sah sie mich nicht an, sie reckte die Nase in die Luft, sie ging wie eine Königin durch die Straßen und wir andern alle waren Hanswurste und Luft für sie. Aber da sitzt sie nun — weshalb soll ich nicht — wie? Wieviel ungefähr? Sie atmet zweimal tief, pickt mit dem Finger Brotkörnchen vom Tisch, sie lächelt, und sagt: zwanzigtausend Mark. Zwan—zig—tausend — sie hatte wohl den Verstand — nein, nein, nein. Ah, was die Leute doch denken. Esse ich Gansbraten und eingemachte Birnen? Ich esse nur einmal im Tage — nein! Da steht sie auf, sie legt mir die Hand auf die Schulter. Es ist so leicht für Sie, in einigen Monaten bekommen Sie es zurück. Ich stelle Ihnen einen Wechsel aus, einen Schuldschein, wie Sie wollen. Es wird alles geschäftsmäßig geregelt werden — nun spricht sie wie ein Bankier. Aber sie bebt ja doch! Sie sieht, daß ich zögere, sie fährt mir mit der Hand übers Haar, sie legt ihre Hand auf die meine. Hören Sie, sage ich zu ihr, hören Sie, gnädiges Fräulein, Sie wissen, daß ich Sie liebe, werden Sie meine Frau. Ich liebe Sie, Sie können tun was Sie wollen, nur daß ich Sie täglich sehen kann — denn ich will ja lieber Ihr Lakai sein, als der Mann einer der geschwollenen Krämerstöchter von hier. So sage ich und sie hört aufmerksam zu. Ich sage, Sie werden dann so viel Geld haben wie Sie nur wünschen. Alles wird Ihnen gehören, alles, eine Million und mehr! Haben Sie soviel? fragt sie und lächelt. Ja, sage ich, ich lüge nicht. Ich öffne die Türe und zeige ihr den Schrank, öffne ihn: Sehen Sie! Alles sollen Sie haben. Hören Sie, Eisenhut, sagte sie, es kann doch nicht so rasch gehen, ich muß es mir doch überlegen und wenn ich Ihre Frau werde, so werde ich es doch nicht Ihres Geldes halber. Sie legt ihre Hand auf meine Schulter und lächelt. Ich möchte sie an mich ziehen, aber sie macht eine kleine Bewegung und ich tue es nicht. Ich sage zu ihr, daß ich ordentlich und gut werden würde — ich schwöre ihr, nicht mehr zu trinken. Sie soll befehlen und ich gehorche, blindlings. Ihr Lakai werde ich sein. Ja, sie wolle nachdenken. So schnell kann es ja nicht gehen, mein Freund — sagt sie — mein Freund, das ist ja ausgeschlossen. Sie müßten bei meinen Eltern um meine Hand anhalten, aber so — ich bringe Ihnen ja gewiß Freundschaft und Sympathie entgegen, obgleich ich immer launisch gegen Sie war — ob ich Sie aber heiraten kann, das muß ich mir doch überlegen. — Wann werden Sie mir Antwort sagen? — Morgen oder in den allernächsten Tagen. Gut, sage ich, dann will ich Ihnen das Geld mitbringen. Sie besinnt sich und setzt sich langsam nieder. — Das geht ja nicht, mein Freund, sagt sie! Morgen gibt es zu Hause eine Katastrophe, wenn die Forderung nicht eingelöst werden kann. Es ist ein Wechsel. Könnte es Ihnen nicht einerlei sein — ich komme morgen wieder zu Ihnen, ich verspreche es Ihnen. — Gut, ich zähle ihr die Scheine hin. Danke, sagt sie, und zählt das Geld sorgfältig nach — aber ich sehe, wie ihre Hand bebt. Sie geht. Über diese Schwelle hier ist sie gegangen. Sie geht wieder durch den Garten. Also morgen! sage ich. Ja, antwortet sie, wenn es mir möglich ist, sicherlich. — Am andern Tage gehe ich zum Schneider und lasse mir einen Frack anmessen. Sie heiraten wohl? Ja, vielleicht. Ich warte. Der Tag vergeht, sie kommt nicht. Ich warte einige Tage. Der Frack ist fertig. Ich probiere ihn an und der Gedanke kommt mir in den Kopf um ihre Hand anzuhalten. Ja? Sofort — vorwärts, — haha — vielleicht ist sie krank. Gut. Der Vater empfängt mich. Wie? sagt er. Ich spreche und er lacht. Na, sagt er, Herr Eisenhut, was fällt Ihnen doch ein — hahaha — er lacht — er lacht und sagt: Entschuldigen Sie, ich lache ja nicht — es ist ja höchst ehrenvoll — aber ich glaube, daß meine Tochter — hahaha! — daß meine Tochter, na, daß die Wünsche und Absichten meiner Tochter — übrigens, wer kennt die Frauen? Sie wird es Ihnen ja sagen. Konrad — meine Tochter soll kommen. — Sie kommt. Ich sehe sie nicht, aber ich höre ihren Schritt, obwohl Teppiche gelegt sind, höre ich ihn. Sie ist da. — Herr Eisenhut gibt uns die Ehre, gibt dir die Ehre — Sie ist totenbleich — sie sieht mich an und auch ihre Lippen werden blaß — sie hat Angst, ich werde sprechen — nein, Sie brauchen keine Angst zu haben, nein, so bin ich ja nun doch nicht — ich werde Sie nicht verraten. Sie lächelt, gibt mir freundliche und höfliche Worte. Sie sagt nicht Ja, sie sagt nicht Nein, sie sagt hmhm. Ich gehe. Der Diener lächelt ebenfalls. Soll ich dich aufs Maul hauen, du Affe? — Ich warte, ich denke, wie dumm, wie voreilig. Endlich treffe ich die Dame und sage: Nun? Wie steht es mit der Antwort? — Sie lächelt und sagt: Ja, was für Einfälle Sie doch haben, Sie kommen ins Haus — ich bin ja nicht wiedergekommen, war Ihnen das nicht klar genug? — Ich sage: Haha, was ist das! Sie haben aber versprochen zu kommen. Ja, sagt sie gleichgültig. Ich möchte Sie bitten weniger laut zu sprechen und sich weniger auffallend zu gebärden, Herr Eisenhut, wenn uns jemand beobachtet! — Nun sprechen Sie ja ganz anders, seht an, sage ich, neulich da konnten Sie viel freundlicher sein. Sie haben von Freundschaft und Sympathie gesprochen — was weiß ich — es war aber nur eine Falle, so ist es. Sie haben wohl auch nie im entferntesten daran gedacht, mich zu heiraten — wie? — Sie sieht mich an und lächelt verächtlich. Wenn Sie es wissen wollen: Nein! Ich bitte Sie nun — Was bitten Sie! schreie ich. Dann haben Sie mich einfach betrogen! — Sie stampft mit den Füßen und wird blaß. Bitte! sagt sie und sieht mich an als ob ich ein Lakai wäre. Ich hätte nicht gedacht, daß Sie ein solch ungebildeter Mann wären! Außerdem wäre es mir nie in den Sinn gekommen Sie um eine Gefälligkeit zu bitten. Sie geht. — Ja, wie konnte ich auch so ungebildet schreien, denke ich, wie konnte ich mich so vergessen. — Ich kam mir vor wie ein Hund. Ich trank, schrecklich trank ich in dieser Zeit, ich wollte gar nicht mehr zur Besinnung kommen. Ich habe eine Dame beleidigt und liebe sie doch, ja zum Teufel mit mir! Ich trinke hier in dem gleichen Zimmer, wo sie mir das Haar streichelte. Ich bin ein ungebildeter Mann, jawohl, ganz richtig. Das ist wahr, sie hat es gesagt. Ich könnte mir die Haare ausreißen! Sie hätte mich ja nie um eine Gefälligkeit gebeten, wenn sie gewußt hätte, was für ein ungebildeter Mann ich eigentlich bin. Ja, es ist wahr, sie heuchelte mir etwas vor, sie machte mir Versprechungen — soll ein Mensch in der Welt aufstehen und das Gegenteil behaupten! — sie schmeichelte mir, sie nahm die Gefälligkeit von zwanzigtausend Mark mit sich, das tat sie — aber trotzdem! Und ich fluchte und trank, weil sie mich angelogen hatte, ich trank weil ich ein Narr war und ihr glaubte, ich trank, weil ich sie kränkte und am meisten trank ich, weil sie mich nun verachtete wegen meines ungebildeten Benehmens. Ich mag schon gar nicht daran denken — wie ich den Freiersmann spielte und mir einen Korb holte — Wie sollte ich je mit der Sache fertig werden, je ins Klare kommen? Ich sitze hier und trinke und deute auf den Tisch — hier hast du also auf der einen Seite eine Dame, die kommt, dich streichelt und heuchelt und verspricht und — ich deute auf den Tisch — hier hast du also einen Mann, der sich die Freiheit nimmt zu fragen, was denn eigentlich — hier hast du also — und hier — nein! Mein Kopf faßt das nicht. Wie ist es doch? Wer hat recht und wer hat unrecht. Wie ist es doch? Nein, ich bin zu dumm, um das je herauszubekommen. Aber Zorn kommt über mich, Wut, daß ich schreie! Hier hast du also, hier — und hier — ja, ich bitte einen vernünftigen Menschen mir zu erklären — wie? Ist es vielleicht ein Vergnügen — ich frage den Teufel! — ist es ein Vergnügen — einen Frack anzuziehen — wie — und ein alter Habenichts lacht — ist das ein Vergnügen — ich bitte weniger laut zu sprechen — wenn uns jemand beobachtet — wie? Gott im Himmel, wie soll ich das verstehen! — Ich hasse die Menschen! Was für eine Behandlung ist das? Ich hasse die Frauen! Ja, ich liebte jene Dame, es ist die Wahrheit, ich liebte sie. Aber nun hasse ich sie. Ich begegne ihr auf der Straße, ich grüße nicht, ich blicke sie nur durchdringend an. Ich gehe an ihr vorüber und ziehe einen Brief heraus, auf den ich mit haushohen Buchstaben Schuldschein schrieb — ich mache es so, daß sie es sieht. Ich hasse sie, sie könnte es Schwarz auf Weiß haben — ich treffe sie in der Buchhandlung und lasse den Brief fallen. Sie soll nur etwas Angst vor mir haben, jetzt, da ich sie hasse. Ich habe sie geliebt, was ist geschehen, daß ich sie jetzt hasse? Habe ich zu mir gesagt: Hasse sie, hasse sie! Nein! — Ich begegne ihr mit den Freundinnen, sie spricht das erste Wort, sie reicht mir die Hand. Sie spricht mit mir: Sie hat Angst. Gott im Himmel! denke ich, weshalb hat sie doch nur Angst? Nun spricht sie freundlich mit mir, sagt, ob ich nicht zum Tennis kommen wolle — nur weil sie Angst hat. Ja, weshalb sollte sie denn Angst haben? Vor mir? Ach, bei Gott, nein, sie braucht gar keine Angst zu haben, ich tue ihr nichts, nein. Es ist ja schrecklich, zu sehen, daß sie Angst hat. Denn ich liebe sie ja, ich hasse sie ja gar nicht, ich liebe sie! Ich blicke auf ihr Haus und weine. — Wie lächerlich, Angst zu haben, ich werde es ihr sagen, von einem Skandal kann ja gar keine Rede sein. — Ich laure auf den Wegen, bei ihrem Haus, endlich treffe ich sie. Ich nehme den Brief aus der Tasche, um ihr den Schuldschein zurückzugeben — sie sieht mich an und sagt: Man wird Sie bezahlen, haben Sie keine Angst, Herr Eisenhut. Aber ich bitte Sie mich gefälligst ungeschoren zu lassen, ich kann ja keinen Fuß mehr aus dem Hause setzen, ohne daß Sie dastehen. — Glauben Sie nun, ein Mensch wie ich, lächelt, gibt den Brief zurück, sagt ihr, daß sie unbesorgt sein möge? Glauben Sie das? Dann sind Sie auf falschem Wege. Ich bin nicht so. Nein. Was hat mich doch so wütend gemacht? Ich stehe da mit dem Briefe und also muß sie denken — deshalb spricht sie ja so — aber daß sie so spricht, ihre Haltung, ihr Blick — alles — was hat mich doch wütend gemacht, daß ich schreie: Nehmen Sie sich in acht vor dem Skandal! Ich schreie das, ich lache ganz gemütlich und gehe.
Ist das nicht um verrückt zu werden, wie? Nichts ist geblieben als Haß. Aus allem, was man tut, nichts bleibt als Blamage, Ekel und Haß! Ach, wie ich doch die Frauen hasse. Sie sind Schlangen, schön, wärmen sich in der Sonne und glitzern, denken böse und sind giftig! Man sollte sie alle einsperren, gehen daher und blähen sich auf. Nun, ich hasse sie! Ich hasse auch die Männer, aber die Frauen hasse ich auf eine ganz andere Weise! Ich sitze hier, bewerfe sie mit Schmutz und hasse sie. In manchen Stunden, da liebe ich sie ja. Sie sind schön, Gott im Himmel, sie sind ja schön, sage ich, schön und rührend sind sie. Ich bitte euch um Verzeihung, ihr Frauen auf der ganzen Erde, ich! Aber der Haß kommt zurück. Auch die Menschen liebe ich zuweilen, aber der Haß kommt zurück und zerfrißt mich wie Gift. Ist das ein Dasein? frage ich Sie, was für ein Leben soll das sein! Es ist ein Hundedasein, nichts als ein Hundedasein!“
Er lachte verzweifelt auf und schrie.
„Das ist das, hören Sir, Herr Grau, das ist das, nun habe ich es Ihnen erzählt, das, was mich quält — was nicht mehr von mir weicht, ich denke daran, fresse daran über ein halbes Jahr — immer wieder ziehe ich den Frack an — immer wieder — geht die Dame über diese Schwelle — immer wieder spricht sie mit mir oben im Walde — immer, immer, immer wieder — ah!“ Er vergrub den Kopf in den Händen.
„Halt!“ schrie er. „Sagen Sie nichts! Es ist noch nicht alles! Ich muß alles sagen, es muß heraus, ich muß es tun, Sie sollen wissen, wie es um mich steht. Glauben Sie denn, es sei eine Wonne so zu leben — mit all dem im Kopfe? Wie ist das alles gekommen? Weiß ich es? Wie ist es gekommen, daß alles sich in meinen Gedanken in Schmutz verwandelt? Jedes harmlose Wort — ich höre es, man spricht es — aber in meinem Kopfe verwandelt es sich zu einer Niedrigkeit. Was für Gedanken habe ich doch früh und spät — abscheuliche Gedanken, die kein Mensch ertragen kann, ich möchte weit fort von ihnen, aber es geht nicht. Nichts ist schrecklicher als eine verdorbene Phantasie — sie ist ein Gespenst, das alles häßlich und stinkend macht.“ Er schauderte zusammen und schüttelte sich wie gepackt vom Grausen. „Auch meine Phantasie ist eine Hölle!“
„Ich will nicht mehr!“ fuhr er fort und wiegte den Kopf auf den Schultern hin und her. „Ich will nicht — aber ich muß — ich muß Ihnen alles sagen. Warum? Haben Sie mich etwas gefragt? Haben Sie zu mir gesagt: Nun, Eisenhut, wie steht es mit dir? Was macht dir Qual? Nein! Nichts haben Sie gesagt. Aber ich sage Ihnen alles, ich reiße vor Ihnen das ganze Haus ein, damit Sie sehen, was darin ist. Ich verkaufe mich auf Abbruch vor Ihnen. Warum? Vielleicht, weil Sie mir helfen sollen? Oder? Warum denn? Ich habe Sie gesehen, ich habe gehört, was Sie sagten, damals bei der Beerdigung — ich habe an Sie gedacht. Ich konnte meine Gedanken nicht mehr von Ihnen losreißen. Warum? Kenne ich nicht hundert Leute, an die ich nicht denken muß? Was ist das? Ich habe gedacht, wie schön und jung er ist und wie freundlich und gleichmäßig liebenswürdig gegen jedermann. Vielleicht ist er glücklich, vielleicht ist er gut und vielleicht hat er keine Hölle in der Brust, keine häßlichen Gedanken, schöne Gedanken vielleicht! Nein, er ist ein Dummkopf und ein Schwätzer, habe ich gedacht, er ist eine Art Idiot, ein Narr — so wie Professor Richter sagt. Aber trotzdem mußte ich an Sie denken. Ich träumte von Ihnen, ich sah in Ihre Fenster, ich mußte Ihnen immer begegnen, Sie immer ansehen. Ich ging um Sie herum, im Kreise, und kam nicht mehr los von Ihnen. Was ist das? Am ersten Tage, da begegnete ich Ihnen — ich richtete es so ein — ich tat, als ob ich grüßen wolle, ich grüßte nicht. Aber Sie grüßten und sagten: Ein schöner Tag oder was Sie doch sagten. Freundlich sahen Sie mich an. Ich aber lachte über Sie. Ich lachte und ich weiß nicht, warum ich lachte. Sie läuteten an meiner Glocke, am gleichen Tage, ich öffnete nicht. Ich dachte, aha, er hat eine Liste bei sich, er will Geld! Aber nicht deshalb allein öffnete ich nicht, nein — ich hatte Angst vor Ihnen, ganz plötzlich — eine eigentümliche unsagbare Angst. Seitdem mußte ich immer an Sie denken.“
„Ich träumte auch von Ihnen, ja! Ich träumte, einige Schurken hätten mich angeschossen. Ich lag da und stöhnte und mein Gaumen brannte. Ich preßte die Hand auf die Brust, das Blut schoß heraus, ich stand Todesängste aus — da ging die Türe auf und Sie kamen herein. Ich wurde sofort ruhig. Sie legten mir die Hand auf die Brust, da floß das Blut nicht mehr. Sie feuchteten den Finger an den Augen an, da war die Wunde geheilt. Das träumte ich von Ihnen und oft träumte ich von Ihnen.“
„Warum, warum? Seitdem ich Sie sah — weshalb doch? Ich verstehe ja das ganze Leben nicht mehr. Ich mußte an Sie denken und je mehr ich an Sie denken mußte, desto mehr haßte ich Sie, je mehr ich Sie haßte, desto mehr mußte ich an Sie denken. Wenn ich Sie nur sah, konnte ich wütend werden. Sie gehen dahin, so leicht — Ihre Augen sind so klar — alles zusammen — ich haßte Sie aber! Nun sitzen Sie da, ich erzähle Ihnen alles. Ich muß. Ich muß fortfahren, ich weiß nicht warum.“
„Sie sollen von diesen Schuften hören, diesem Professor Richter, dem Adjunkten, von Dr. Nürnberger — von mir und ihnen — alles sollen Sie hören. Weshalb verkehre ich mit diesen Leuten? Weil sie gebildet sind, weil sie angesehen sind! Oh, hätte ich sie nie kennen gelernt, diese Hunde, die alle so sind — so niedrig wie ich — die nichts glauben, nur lachen, nichts wollen, alles in den Schmutz ziehen — diese — nein, nein, nein, genug — einmal hat mich Dr. Nürnberger zum Duell herausgefordert, ich glaubte es sei ihm Ernst — ich — nein, nein, nein — genug — nichts mehr —“