Eisenhut sah ihn an, er blinzelte nicht. „Sie fühlen es?“ Er blickte mit hilflosen Augen vor sich hin und gab dem kleinen Hunde einen Stoß auf die Schnauze, als er sich ihm zu Füßen setzte. Der Hund sah ihn erschrocken und erstaunt an und blickte auch auf Grau, was er davon halte? „Wenn ich daran denke, an alles denke, so ist mein Leben eine fortgesetzte Blamage gewesen,“ fuhr Eisenhut fort und stützte das verzehrte Gesicht in die Hände. „Ja, ja, dreimal ja! Eine einzige Blamage. Ich will gar nicht daran denken, wie die Bauern mich durchgeprügelt haben — das ist ja eine Kleinigkeit — aber ich mache den Mund auf — ich sage etwas, ich tue etwas — alles ist nichts als Blamage. Ich bin auch so unwissend — ich schäme mich — so unwissend — ich kann nicht richtig schreiben, einmal wollte ich einen Brief an eine Dame schreiben, ich konnte nicht, diese Sätze, Komma, Punkt, diese Wörter, man schreibt sie hin, sie haben keinen Sinn mehr, es ist zum wahnsinnig werden. Haha, wie haben sie gelacht, dieser Professor Richter und die ganze Bande — — ich spreche — alle lachen, die Herren und die Damen. Sie sprechen von einer Stadt und ich denke, sie liegt in Deutschland, aber die Stadt liegt in China. Alles lacht, alles! Ich lache mit und sage, ja, man kann sich täuschen. Aber ich liebe es, gebildet zu erscheinen, trotzdem ich nichts weiß, ich sage ein Wort französisch, ich streue ein lateinisches Wort ein — damit man glaubt, dieser Eisenhut kennt eine Menge Sprachen — aber ich wende ein fremdes Wort an und wieder lacht man. Das ist doch kein Vergnügen, oder?“

Aber das sei ja weiter nicht schlimm. Wenn er fühle, daß er unwissend sei, und darunter leide, weshalb lasse er sich nicht belehren.

„Glauben Sie? Glauben Sie, daß es nicht zu spät ist?“

„Wie alt sind Sie denn, um Gottes willen?“

„Dreiunddreißig.“

Grau lachte.

Eisenhut flüsterte: „Niemand weiß es. Ich habe gar keinen Unterricht genossen. Meine Mutter sagte, was brauchst du den Kram, du hast Geld. Lenz hat mich unterrichtet — aber was war es doch? Er spielte Karten mit meinem Vater — sie tranken und spielten — Ah, sagte Lenz, dein Sohn braucht nichts zu lernen, er saugt die Weisheit aus dem Leben und aus der Natur! Auf diese Weise habe ich gar nichts gelernt, könnte ich dem Lehrer den Schädel einschlagen! Ich habe nie den Mut gehabt, Unterricht zu nehmen, denn der Lehrer hätte ja gesehen, wie unwissend ich bin.“

„Das ist ja nebensächlich, das läßt sich leicht nachholen,“ warf Grau ein. „Mit einigem guten Willen.“

„Ja?“ sagte Eisenhut und nickte. „Das ist es ja nicht, es ist auch nur ein Stückchen. Aber alles zusammen, alles, alles. Ich könnte nicht einmal alles sagen, selbst wenn ich wollte. Solch schreckliche Dinge! Aber was sagen Sie dazu, wenn einem Menschen mit der Zeit alles gleichgültig wird? Hören Sie, ist es möglich, daß es einem Menschen gleichgültig ist, ob es Tag oder Nacht ist? Ich liege im Bett und wage nicht aufzustehen, nicht aufzuwachen, denn ich fürchte mich vor dem Tag, vor der Langeweile und dem Nichts. Was wird vorgehen, frage ich mich? Nichts, nichts! Weshalb soll ich aufstehen? Nun, ich stehe nicht auf, ich möchte im Bette liegen und schlafen, immerzu, bis ich sterbe. Aber auch das ist sinnlos. Ich stehe auf, und ich denke, warum bist du aufgestanden, hast ja nichts zu tun. Ich gehe auf die Straße und die Sonne scheint. Mein Gott, wie gut es ist, daß die Sonne scheint, denke ich. Ich freue mich, ich grüße die Leute. Das ist das Leben, denke ich, wenn die Sonne scheint und der Mensch fröhlich ist. Ich gehe ein wenig in der Sonne und freue mich nicht mehr. Es ist ja so einerlei, ganz einerlei, ob die Sonne scheint oder nicht. So gehe ich in das nächste Wirtshaus, setze mich hin, trinke Bier, esse Käse, sitze da, stundenlang und trinke — es ist mir ja alles einerlei. Ich kann ruhig hier sitzen, warum nicht? Mein Kopf ist leer, ich kann nichts denken. Aber ich kann träumen. Ich denke, ich gehe, gehe auf der Straße, da kommen sechs junge Mädchen daher, Arm in Arm und lachen mich an. Ich träume, ich gehe durch den Wald und eine Dame kommt daher und begrüßt mich und plaudert mit mir, ganz wie mit andern Herrn, ja, was will ich sonst? Nichts andres will ich sonst! Aber wenn ich der Dame in Wirklichkeit begegne, so grüßt sie kaum und läßt mich stehen. Haha, denke ich, so sind sie, und ich trinke. Oh, wenn sie doch zum Teufel ginge, sie und alle Mädchen, die immer lachen und vergnügt sind, alle, alle, mit ihr in die Hölle! Ich wünsche, daß sie krank wird und ihr die Haare ausfallen und ich freue mich — ja, wie häßlich wird sie doch aussehen? Niemand wird sie mehr ansehen — auch ich — nein, ich nicht, ich werde alles für sie tun, was sie will. Alles, alles, sie mag häßlich sein wie sie will. Aber das alles wird ja nie sein. Sie wird leben und fröhlich sein, alle, alle Menschen. Ich fluche den Menschen, auch meinen Freunden! Habe ich welche? — Mögen sie dahinfahren! Brauche ich Freunde, nein? Ich lache, alles ist ja gleichgültig und ich brüte vor mich hin — ja, nun ist mir wieder alles einerlei — alles — aber das ist noch schrecklicher, lieber noch Haß, noch Qual — Das ist das schrecklichste meiner Hölle, daß mir alles einerlei geworden ist!“ Er stand mit einer Gebärde des Ekels auf. — Seine Züge waren bleich und verfallen. Die Linien um seinen Mund waren tief und gaben dem Gesichte den Ausdruck eines trostlosen Lächelns, obgleich er keine Miene bewegte. Ein verzweifeltes stummes Lachen war für immer in sein Gesicht eingegraben. Seine Augen waren scharf und brannten in kranker Glut, wie die eines Irren. Er ergriff das Glas mit Grog, das Grau für ihn gerichtet hatte und stürzte es hinunter. Seine Hand zitterte.

„Ja!“ sagte er heiser wie ein Mensch, der lange geweint hat. „Laßt uns trinken! Geben Sie mir noch ein Glas, es ist so nicht auszuhalten. Alles peinigt mich! Dieses Zimmer, ich brauche es nur anzusehen! Dieses Sofa, dieser Stuhl, alles quält mich! In meinem Kopfe geht etwas herum, immer das gleiche! Haben Sie das schon erlebt, daß in Ihrem Kopfe immer das gleiche herumgeht, etwas das Sie foltert, wachen Sie auf, es ist da, gehen Sie zu Bett, es ist da. Es ist immer da, es weicht nicht mehr. Jemand lacht, es ist in seinem Lachen, sie trinken eine Flasche Schnaps, es ist in der Flasche. Es ist immer da! Sie werden ohnmächtig, aber je ohnmächtiger Sie werden, desto mehr ist es da! Sie werden wahnsinnig, aber dann ist es für immer da. Es quält mich, weil es immer da ist. Hier — hier — der Boden, der Stuhl, auf dem Sie sitzen, die Türschwelle — da ist es! Hören Sie! Es ist das Tollste, was Sie je gehört haben. Hören Sie?“