„Nein.“

„Warum nicht?“

„Weil ich nicht daran glaube, ich fühle nicht so.“

„Gut. Aber Sie täuschen sich. Es gibt eine Hölle. Ja! Hören Sie wohl, es gibt eine Hölle, sage ich Ihnen! Die Erde ist die Hölle, das Leben ist die Hölle, ich bin die Hölle, sehen Sie her, hier, hier ist die Hölle. Meine Gedanken und meine Gefühle sind meine Hölle, meine Träume! Ich kann einen Hund vor mein Haus legen, daß niemand herein kommt, aber — frage ich Sie — kann ich einen Hund vor meinen Kopf und mein Herz legen? Wenn ich wache, da kann ich mich betäuben, ich kann Karten spielen, ich bringe vielleicht meine Gedanken los, aber wenn ich schlafe —? Sie träumen, daß ihr Körper mit Aussatz bedeckt ist, mit Geschwüren, mit einer Kruste aus Linsen, was ist das? Ist das ein Leben? Das ist die Hölle. Oder eine Spinne sitzt auf ihren Augen und saugt sie aus. Das ist entsetzlich!“

„Warum kann ich nicht sein wie andre Menschen, die fröhlich und guter Dinge sind? Warum kann ich nicht sagen: Ach, guten Tag, wie geht’s? und dabei lächeln? Ich fühle mich unbehaglich in Gesellschaft — ich hasse die Menschen! Aber warum hasse ich sie doch? Warum, warum? Habe ich mich selbst so geschaffen? Ich hasse die Menschen, das ist ebenfalls die Hölle. Ich sehe die Menschen lachen und fröhlich sein, es gibt mir einen Stich, ich höre, daß man einen Menschen lobt, daß man gut und bewundernd von ihm spricht, das kann ich nicht ertragen — ich schimpfe über ihn. Ich mache ihn schlecht. Ich glaube nicht an das Gute. Die guten Menschen, denke ich, sind alle Heuchler, sie hassen sich ja doch, alle zusammen, sie hassen einander wie Teufel. Ich glaube nicht an Gott, an nichts glaube ich. Ich freue mich, wenn es einem Menschen schlecht geht. Er bricht das Bein, ich lache und sage: Recht so, recht so, nur frisch darauf los Beine gebrochen, ich freue mich. Ich lese die Zeitung. Ein Eisenbahnunglück. Selbst das macht mir eine geheime Freude, obwohl die Leute mir ja ganz fremd sind. Haha — so bin ich, bei Gott. So kann ich nicht mehr leben, sterben kann ich auch nicht, denn ich liebe das Leben, schrecklich liebe ich es, obgleich es die Hölle ist. Wie soll ich es doch anpacken?“ Er schüttelte den Kopf. „Und ich bin so weit, daß es mir ein Vergnügen ist, Ihnen meinen Bankerott zu erklären, es macht mir Freude, Sie sehen zu lassen, wie gemein ich bin. Hören Sie zu, hören Sie geduldig zu. Ich liebe das Geld, offen und ehrlich gestanden. Das ist das einzige, sage ich zu mir, was du hast. Und sie beneiden dich darum, die andern. Sie kommen zu mir und wollen Geld. Nichts als Geld, keiner hat noch etwas andres von mir verlangt. Ich liebe das Geld und wenn ich es hergebe, so ist es nur, um mir den Menschen zu kaufen, er wird freundlich gegen mich, er lächelt, wenn er mich sieht. So ist es und um kein Haar anders. Ich will, daß die Menschen vor mir auf dem Bauch liegen. Wenn ein Mensch mir schmeichelt — nimm! nimm! er kann alles haben — ich glaube ihm ja nicht, aber es ist doch schön all die hübschen Worte zu hören — Herr Eisenhut hin und Herr Eisenhut her, vorwärts und rückwärts — wie geht es Ihnen, Herr Eisenhut, Sie sehen krank aus! Dieser Herr Eisenhut, was für ein nobler und feiner Mann ist er doch! Ja, wenn ich es glauben könnte, aber ich kann es ja nicht glauben. Ich glaube nichts. Sobald man mir etwas sagt, so verzieht einer in mir — hier, in meiner Brust, das Gesicht und grinst. Er spricht ja nicht die Wahrheit, denke ich. Ein nobler und feiner Mann! Aber weshalb könnte er es denn nicht wirklich meinen? ich habe ihm ja gar nichts getan. Sprechen Sie?“

„Weil er Sie wahrscheinlich nicht dafür hält, Herr Eisenhut!“

„Aber es gibt ja viele Lumpen und Hunde ringsumher — wie spricht man von ihnen? Man ist freundlich, Ja, man liebt sie. Man liebt sie, obgleich sie Lumpen und Hunde sind! Warum das? Warum liebt mich keiner?“

„Weil Sie die Menschen nicht lieben, Eisenhut!“

Eisenhut lächelte und seine Züge verzerrten sich. Er nickte. „Ich hasse die Menschen, es ist wahr! Aber ich gebe mir doch Mühe, das nicht sehen zu lassen.“

Grau lächelte und legte die Hand auf Eisenhuts Schulter. „Das hilft Ihnen nichts.“ sagte er. „Die Menschen fühlen es, obgleich Sie Liebe und Freundschaft heucheln.“