Grau zitterte, so daß er die Hände auf die Knie pressen mußte, um sich nicht zu verraten. Warum zitterst du? fragte eine Stimme in ihm. „Es ist so schrecklich, so schrecklich all das zu hören!“
Grau unterbrach ihn nicht; er sollte sich aussprechen. Die Scheiben der Fenster wurden blau und begannen zu glitzern. Lautlos kam der Tag. Nichts regte sich auf der Straße. Dann begann eine feine bimmelnde Glocke im Kloster zu läuten und der Gesang der Mönche hallte aus der Ferne.
Eisenhut saß zusammengekrümmt im Sessel und schwieg.
Grau saß still und blickte zu ihm hin. Die Fenster wurden hellblau und die Häuser gegenüber tauchten wie aus einem dicken Nebel auf.
Dann sagte Grau: „Sie haben viel gelitten, Eisenhut!“
„Ich bin verloren und schlecht, schlecht und verloren.“
Grau schüttelte den Kopf. „Nein,“ sagte er, „aber Sie haben zu viel gelitten! Sie sind nicht schlecht, nur schrecklich unglücklich sind Sie!“
Aber Eisenhut saß bleich, mit verzweifelten lechzenden Augen. „Kann ich denn so leben?“ fragte er und wollte aufstehen. Aber Grau drängte ihn sitzen zu bleiben. Er sah ihn an, reichte ihm die Hand und drückte sie. Er nickte und saß lange Zeit, die hellen freundlichen Augen auf ihn gerichtet.
„Geduld, Geduld!“ sagte er endlich. „Nun wird es ja schon Tag; die Sonne muß bald aufgehen. Sehen Sie doch, wie blau der Himmel wird, es wird ein schöner klarer Tag werden. Was soll ich Ihnen doch sagen, Eisenhut? Da sitze ich nun und beginne vom Wetter zu sprechen, weil ich nicht weiß, wie ich beginnen soll. Ich bin ja so unerfahren und jung, Sie müssen Nachsicht haben, ich bin ja sogar jünger als Sie, Eisenhut — wie anmaßend wäre es doch, wollte ich Ihnen Ratschläge geben. Sie haben Vertrauen zu mir gehabt und wie schön ist es doch, daß Sie ein solch unbedingtes Vertrauen zu einem Menschen haben konnten! Schön war es für mich, daß Sie mich damit auszeichneten und ich werde Ihnen das nicht mehr vergessen. Ich habe mich so gefreut darüber und ich danke Ihnen. Ich bin Ihr Freund, wenn Sie nur wollten. Ja, ich gehöre Ihnen ganz! Wollen Sie nicht ein Glas Wein trinken, es wird Sie stärken. Sind Sie müde? Nein? Ich denke mir, wie unglücklich und arm Sie doch sind. Aus all dem was Sie mir erzählten, konnte ich ja entnehmen, daß Sie niemals, aber auch niemals einen Freund gehabt haben.“
„Wir alle aber können nicht ohne Freunde leben!“