„Hören Sie, was Susanna einmal zu mir sagte. Sie sagte, wenn sie in den Büchern liest, so fühlt sie, daß sie von all den Gestalten, die in den Büchern vorkommen, etwas hat, ob sie nun schlecht oder gut sind. So empfand auch ich, als ich Ihnen zuhörte. Ich bin Ihnen so sehr ähnlich; von all Ihren Wünschen, Kämpfen, Schmerzen habe auch ich einen großen Teil. Ich will ja nicht sagen, daß ich genau so bin wie Sie, nein, jeder Mensch ist ja doch anders, aber so im allgemeinen? Mehr oder weniger sind alle Menschen wie Sie, Eisenhut. Ach, schütteln Sie doch nicht den Kopf, es scheint mir so, soweit ich die Menschen kenne Sie sind Ihnen alle verwandt. Sie sind allein oder fühlen sich allein, ganz wie Sie. Sie leiden unter dieser Einsamkeit, wie Sie. Sie haben Sehnsucht nach Liebe und Freundschaft. Sie haben schlechte und häßliche und haßerfüllte Gedanken, jeder Mensch hat sie zuweilen. Sie lügen und posieren, um gesehen, gehört, beachtet zu werden, um interessant zu erscheinen. Ja, das tun fast alle. Fast alle sind so empfindlich wie Sie und wir alle fühlen einen Tropfen Essig stärker auf der Zunge als ein Pfund Honig. Alle sind so ehrgeizig, alle legen so großen Wert auf die Liebe und die Achtung der Menschen wie Sie — und das ist ja nur gut! Wir alle möchten nicht nur geliebt, wir möchten bewundert sein. Und das ist ja nur gut!“
„Das Leben ist gegen Sie unfreundlicher und nachsichtsloser gewesen als gegen andere, Eisenhut. Das hat Sie bitter gemacht und Sie sind nicht stark genug gewesen. Dann haben Sie in Ihrer Seele gewütet, wie haben Sie in Ihrer Seele gewütet, Eisenhut, wie ein Mörder! Ja, das haben Sie getan, verzeihen Sie mir, aber ich muß es sagen! Nun aber frage ich Sie, hat Ihre Seele sich das gefallen lassen? Nein, nein! Sie hat sich gewehrt dagegen und hat Sie gefoltert dafür und gepeinigt. Denn sie sagte sich: Genug, genug, wie geht er doch mit mir um? Ihre Seele ist ja gut, Eisenhut. Sie sind ja ein guter, wahrhaft guter Mensch! Das glauben Sie nicht? Seht an! Ich habe ja schon früher von Ihnen gehört und es ist wahr, ich habe viel, viel an Sie gedacht! Weshalb sehen Sie mich so an? Ja, das habe ich getan. Ich habe mich in Gedanken viel mit Ihnen beschäftigt. Sie taten es ja auch mit mir, nicht wahr? Ich habe gedacht, Eisenhut ist ein guter Mensch, den man viel quälte. Ein guter, aber einsamer Mensch ist er, ich schwöre Ihnen, ich habe das gedacht! Sie sind gut, sagen Sie, was Sie wollen. Sie hassen die Menschen, weil sie Ihnen zuvor so große Liebe entgegen brachten. Wie können Sie doch lieben! Haben Sie nicht gesagt — als Sie von jener Frau sprachen — ich blicke auf ihr Haus und weine? Sie vergeben mir wohl, daß ich es wage, Ihre intimsten Gefühle zu berühren. Ich will Ihnen ja nur beweisen, wie gut Sie in Wirklichkeit sind und wie wenig Sie sich selbst kennen. Das ist auch ein Fluch, eine Strafe für diejenigen, die in ihrer Seele wüten, daß sie sich selbst nicht mehr kennen. Sie haben gesagt: Die Sonne scheint, ich gehe auf die Straße, ich grüße die Leute — kurz und gut, ich könnte Ihnen ja an vielen, vielen Dingen zeigen, daß ich im Recht bin. Haben Sie nicht auch jener Dame, die in der Not zu Ihnen kam, geholfen?“
„Ich will Ihnen sagen, welchen Fehler Sie begangen haben. Sie haben jenen Fehler begangen, den die meisten Menschen begehen: Sie suchten Glück und Erlösung durch andere, durch Freunde und Freundinnen. Und Sie haben jenen Fehler begangen, den die meisten Männer begehen, sie suchten Glück und Friede durch die Frau. Ja, fragen Sie sich doch, sollten die Frauen vielleicht dazu da sein, daß wir uns bei ihnen ausruhen, erholen, daß wir von ihnen das Glück und die Freude entgegennehmen? Nein, wie unsinnig wäre das doch! Sie wollten, daß die Menschen Sie lieben, daß die Frauen Sie lieben, daß Sie sie lieben dürfen, nicht wahr? Dann wäre Ihnen geholfen. Aber wenn Sie zu einem Menschen kommen, so sieht er Sie an und fragt sich: Was wird er mir geben? Ich frage Sie, sind Sie reich, können Sie geben? Ja, Liebe, nicht wahr, wollten Sie denn nicht Liebe geben? Richtig, aber jene Liebe, die aus Ihrer eigenen Ohnmacht hervorgeht, Verzweiflung, weil Sie mit sich allein nicht leben können, weil Sie arm im Innern sind, Anlehnung wollten Sie, Halt! Wenn Sie in ein Wirtshaus gehen, essen, trinken und nicht bezahlen können, so wirft Sie der Wirt vor die Türe, Sie sind ein Zechpreller. Er hat keine Nachsicht mit Ihnen. Die meisten Menschen sind solche Wirte, die den vor die Türe werfen, der nicht bezahlen kann und den nicht hinein lassen, der arm aussieht. So sind die Menschen, sie müssen vielleicht so sein, denn sie sind ja selbst arme Wirte, keine reichen Herren, die Bettler speisen können.“
„Sie fragen mich nun — ja, sagen Sie, ich sehe doch, man liebt den oder jenen und was ist er im Grunde genommen, aber man nimmt ihn auf, man liebt ihn. Lieber Eisenhut, ich weiß das wohl. Man nimmt ihn auf, man liebt ihn um einer einzigen schätzenswerten Eigenschaft willen! Vielleicht kann er singen, oder Geschichten erzählen, oder er ist freigebig, er ist witzig, er ist drollig, er ist gütig oder er ist mutig. Wenn er nur eine einzige Eigenschaft hat, die ihn vor andern auszeichnet. Haben Sie eine solche Eigenschaft? Fragen Sie sich? Sie sind begütert, Sie sind ein reicher Mann und diese Eigenschaft hat Ihnen Einlaß gewährt. Aber das ist ja eigentlich keine Eigenschaft, nicht wahr.“
„Das sind harte Worte, verzeihen Sie mir. Sie wissen ja selbst, Sie leben nicht im Frieden mit sich. Ja, Sie sind so unzufrieden wie einer nur sein kann und haben ja selbst Ihren Bankerott erklärt. Aber Sie wollen, daß man Sie liebt! Freunde sind der Preis unserer Tugenden, Eisenhut.“
„Sie sagen, Sie hassen die Menschen, Sie glauben nicht an ihre Liebe und Güte und an das Edele in ihnen. Aber Sie wollen, daß man Sie liebt. Du guter Gott, was denken Sie denn, die Menschen fühlen ja Ihre geheimen Gedanken. Sie achten die Frauen nicht sehr, aber Sie wollen, daß die Frauen Sie lieben. Da kommen Sie nun zu den Frauen, Sie sprechen, Sie sind liebenswürdig, Sie sind freundlich — aber die Frauen? Die Frauen fühlen ja deutlich, wie Sie sonst über sie denken. Sie bleiben kühl. Ein anderer spricht dieselben Worte, lächelt das gleiche Lächeln, sehen Sie, wie die Augen der Frauen leuchten, wie freundlich sie ihn anblicken? Warum? Ja, die Frauen fühlen, er denkt immer so von uns. Das Gefühl eines Mannes können Sie am Ende täuschen, aber niemals das Gefühl einer Frau, denn sie sind alle Hellseherinnen.“
„Nun, Eisenhut? Eisenhut, Eisenhut, Eisenhut — ich bin ja Ihr Freund und mir müssen Sie alle diese grausamen Worte verzeihen. Weshalb bin ich Ihr Freund, Eisenhut? Weil ich Sie am besten kenne. Nun? sage ich. Sie fanden keine freundliche Miene bei den Menschen. Was taten Sie aber? Gingen Sie nach Hause und sagten Sie zu sich selbst: Ich bin ja wenig wert, ich habe den Menschen zu wenig zu geben. Ich bin nicht einmal ein guter Gesellschafter, denn ich weiß ja wenig und habe meine Kenntnisse nicht bereichert. Taten Sie das? Nein, ach, Sie taten es nicht. Sie klagten die Menschen der Härte und Lieblosigkeit und Schlechtigkeit an und begannen zu trinken. Sie suchten also Erlösung, Glück und Friede im Rausch. Das tun ebenfalls alle Menschen, die meisten, sie betäuben sich alle auf irgend eine Art. Aber der Rausch verfliegt, die Betäubung verfliegt und Ihre Seele schreit hungriger und durstiger als zuvor. Ihre Seele will Wahrheit, keine Lüge und Betäubung. Im Rausch, da können Sie einherschreiten wie ein König, aber der Rausch vergeht und Sie sind ein Bettler. Denn Sie sind ja kein wirklicher König gewesen im Rausche, nur als König verkleidet waren Sie. Ich weiß das alles, Eisenhut, ich, Ihr Freund, denn — all das habe ich an mir selbst erlebt.“
„Sie leben viel in der Nacht, Eisenhut. Wer erträgt das? Wissen Sie denn, wie gefährlich es ist mit den Geistern der Nacht zu leben, für den Menschen, der ja geschaffen ist zum Verkehr mit den freundlichen Wesen des Tages und des Lichtes?“
„Sie leben immer mit sich allein. Auch das ist gefährlich. Nur wenige Menschen können es ungestraft tun, denn der Mensch ist ja geschaffen zum Umgange mit seinen Brüdern.“
„Ihre Seele hat nach Eindrücken gehungert, Ihr Geist nach Erkenntnis? Haben Sie Ihre Seele gesättigt, Ihren Geist? Nein. Sie sind nicht der Mann, der zufrieden ist, seine Geschäfte zu verrichten, Geld einzukassieren und in Kneipen zu sitzen. Es ist gut, daß Sie das nicht befriedigt. Ihre hungernde Seele soll Sie quälen, das ist gut. Aber was tun Sie, Ihre Seele zu sättigen? Nichts, Eisenhut, da sitzen Sie in diesem Gefängnis, in diesen Fuhrmannskneipen, in dieser kleinen Stadt, wo das Leben still steht. Was würden all die andern Millionen Menschen tun, die so allein sind wie Sie, wenn sie nicht Spiel und Gesang, Musik und Poesie hätten? Es ist ja nicht genug, daß der Mensch ißt und trinkt und schläft, nein, er braucht ja viel mehr. Warum reisen Sie nicht, Eisenhut, hinaus in die Welt? Warum nicht? Wo täglich tausend neue Eindrücke Ihre Seele erquicken und ermutigen? Warum taten Sie das nie?“