„Ich habe nachgedacht und ich fand es fürchterlich. All die Knaben, die am Morgen über die Brücke zur Schule gehen, all die Bauern, die Freundinnen, Klara und Maria und auch Adele — ja, auch sie! — und auch Mütterchen und auch du, mein Liebling — alle, alle! All die Menschen, die jetzt schlafen oder wachen, in einem Zuge fahren oder auf Schiffen segeln — alle werden eines Tages still liegen und sich nicht mehr regen. Auch du. Auch Mütterchen. Auch Adele. Und plötzlich stellte ich mir alle gestorben vor. Auch Adele. Sie sah so schön aus.“

„So sind meine Nächte und auch meine Tage sind so.“

„Es ist das Fieber, es ist die Angst —“

„So klein bin ich, so schwach. Ich bin glücklich! Glaube es mir. Adele sagte zu mir: Es muß dich glücklich machen, daß er dich liebt. Ja, ja, ja! sagte ich und es ist wahr. Aber mein Herz ist ja nicht so, wie ich will. Ich hatte mir vorgenommen mutig zu sterben, denn es muß ja sein, ich hatte mir vorgenommen zu lächeln und zu sprechen: Es ist leicht und süß zu sterben — aber nun — die Angst — die Angst!“

„Du aber sollst kommen und mir die Hand auf die Stirn legen, daß ich Ruhe habe!“

„Du kommst und mein Herz ist wie früher, da ich ein Kind und ohne Angst war. Ich höre die Vögel, ich sehe die Wiesen, ich lache. Sage nein, nein, nein! Du sagst es ja immer, du bist die Hoffnung und du bringst Mut. Die Ärzte wissen nichts, sagst du, ich glaube dir. Aber weshalb lächelt der Arzt, wenn er mit mir spricht? Brauchte er denn zu lächeln? Aber ich glaube dir, solange du bei mir bist, glaubt es mein Herz: Das macht mich ja gesund, wenn es mein Herz glaubt —“

„Süß ist es, an dich zu schreiben und ein Glück. Ich denke, ich darf ihm schreiben. Es gehen viele in der Straße und sehen sich nach ihm um. Liebt er Maria, liebt er Klara, liebt er Adele? Er liebt mich. Ich kenne dich nicht. Du klagst nie, wie sollte ich dich also kennen. Es fiel mir erst jetzt auf, daß du nie mit einem Worte geklagt hast, du sprichst nie von dir. Die Leute sagen, du seist ein Tor, ich aber weiß wohl, daß Sie Leute töricht sind. Oft erschrecke ich, denn ich kann dein Bild nicht festhalten, ich weiß nicht, wer du bist. Nur wenn du mir nahe bist, da weiß ich es, da frage ich nicht danach, da frage ich nichts, denn du bist gut: Komm und nimm die Angst von meinem Herzen — Susanna —“

Drittes Kapitel

Wie erstaunt war doch Susanna, als sich die Türe immer wieder und wieder öffnete und immer mehr junge Mädchen eintraten. Es wollte gar kein Ende nehmen. Noch mehr erstaunt war Mütterchen, die sich fein hergerichtet hatte. Ihre Augen standen immer voller Tränen und sie verlegte zum Unglück fortwährend die Brille. „Welche Freude — daß sie uns die Ehre schenken — an Susannas Ehrentage.“ — Vor der Türe hing ein Willkomm-Kranz — anders hatte es Mütterchen nicht getan. „Willkommen“ stand darauf und Mütterchen hatte darunter geschrieben: Zum Verlobungsfeste von Susanna Lenz. Sie war immer unterwegs, konnte sich keinen Augenblick niedersetzen, dazu hatte sie keine Zeit, immer flatterte ihre weiße Schürze aus und ein.

Aber es nahm ja kein Ende. Auf der Brücke gingen wiederum drei Mädchen. Grau hatte es gut verstanden, die jungen Mädchen an ihr Versprechen, zu einem kleinen Feste bei Susanna zu kommen, zu erinnern. Auch Fräulein Sperling kam, die „ewige Braut“. Grau hatte sie ganz besonders eingeladen. Sie kam mit Tränen in den Augen und lächelnden Lippen und nickte immerzu gerührt mit dem Kopfe.