Susanna lag geduldig, ohne sich zu regen, denn sie sollte Kräfte zur Reise sammeln. Ihre Augen glänzten in tiefer Schwärze. Sie wurde schöner. Ihre Wangen füllten sich, die gelbe Farbe ihres Gesichtes verschwand, sie sah blaß aus und niemals erschienen ihre Haare so schwarz und ihre Augen so groß. Sie wurde schöner, alle waren überrascht, die sie sahen.

Aber ihre Stimme verfiel. Sie konnte nicht mehr in ihrer hohen singenden Stimme sprechen. Sie sprach leise und heiser und war kaum zu verstehen.

Sie lag ruhig da und horchte auf das Gezwitscher und Pfeifen der Stare. Sie lächelte, wenn die Starenmutter geflogen kam, eine Fliege im Schnabel, und all die kleinen gelben Schnäbelchen der jungen Stare in dem runden Loch des Kobels erschienen und ein kreischendes ungeduldiges Geschrei erhoben.

„Hörst du?“ sagte sie leise und heiser. „Wie glücklich diese Vögelchen sind! Hätte ich es mir denn träumen lassen, daß ich noch einmal das Pfeifen der Stare hören werde? Ach, oft weine ich vor Freude, am Morgen, wenn das erste Zwitschern irgendwo fern zu hören ist. Ich liege hier und denke, wie herrlich, wie rührend ist es doch! Die Lerchen trillern, da ist es noch ganz grau auf den Feldern und die Stare kreischen und pfeifen. Dann färbt sich der Himmel und ich rieche das Gras und die Bäche. Und ich kann es kaum erwarten bis es licht wird und ich das Gras sehen kann. Hast du die Knospen gesehen an meinen Rosenstöcken, ja? In ein paar Wochen, da wird alles blühen. Auch der Flieder. Wie ist doch sein Duft? Wie eine süße und traurige Geschichte. Könnte ich doch noch den Flieder blühen sehen und diese Luft einatmen, die dann sein wird! Diese Luft, die so schwer von Duft ist, daß sie sich kaum bewegen kann!“

Ihre Augen leuchteten und sie lächelte.

Geduld, Geduld! süße Susanna.

Es kamen Regentage und Susanna lag still. Sie hatte die Augen halb geöffnet, aber es schien als ob sie schlafe. Sie regte sich nicht, sie sprach kein Wort, lautlos und hastig arbeitete ihre kleine schmale Brust. Sie fieberte leicht und das Fieber legte einen Schleier um ihren Geist.

Aber sobald die Sonne die Wolken zerteilte, erwachte sie, sie öffnete die Augen und ihr Geist war frei. Verdunkelte sich der Himmel wieder, so verdunkelte sich auch ihr Antlitz, ihre Augen erloschen, sie lag ohne Bewegung und ohne Wunsch.

Grau saß immerfort an ihrem Bette. In der Küche sprach Lenz, fast ohne Pause. Es war ihm ganz einerlei mit wem er sprach und wovon, wenn er nur sprechen konnte. War er allein, so sprach er mit sich selbst: Da wären wir glücklich, alter Knabe, da wären wir glücklich, um Kohlen einzunehmen und den alten Kutter frisch zu lackieren. Noch ein paar Tage und wir stechen in das hohe Meer des Lebens hinaus — prosit! Ein schwarzer Panther in einer Küche — haha — bei Hühnern — hole mich der Teufel! Er erzählte sich selbst Geschichten, schmiedete Pläne und baute Luftschlösser. Er kam selten ins Zimmer und immer nur auf einige Minuten, lachte, plauderte und streifte Susanna mit scheuen Blicken. Häufig besuchte ihn Eisenhut, der gegenwärtig einen kleinen Rückfall hatte und schrecklich trank. Neulich waren ihm schon wieder die Kinder nachgelaufen. Er wich Grau aus.

Eines Tages verlangte Susanna Eisenhut zu sprechen. Eisenhut kam aus der Küche, mit gerötetem unrasierten Gesichte, blinzelnd und in guter Laune, ein wenig unsicher in seinen Bewegungen. „Nun, wie geht es? Vorzüglich, natürlich, hähä — wie zwei Turteltäubchen, ja —“