„Nein,“ sagte Susanna leise und heiser, „es geht nicht gut.“ Sie gab sich alle Mühe zu sprechen, aber man hörte kaum was sie sagte. „Setzen Sie sich hierher ans Bett, Herr Eisenhut. Ich möchte mit Ihnen sprechen. Ganz nahe, ganz nahe. So, nun sind Sie nahe. Ach, Richard, mein Freund, du sollst dich einstweilen auf den Stuhl neben mich setzen. So, nun ist es gut. Ich wollte Ihnen danken, Herr Eisenhut!“
Eisenhut ertrug ihren Blick nicht. Er blinzelte, stammelte etwas; es sei doch nicht der Rede wert.
„Nein, viel, viel haben Sie getan, Herr Eisenhut!“ sagte Susanna und faßte Eisenhuts Hand. „Viel Gutes haben Sie Mütterchen und mir erwiesen. Was wäre wohl aus uns geworden, wenn Sie nicht gewesen wären?“
Eisenhut legte das Gesicht in Falten, so daß es aussah, als beginne er zu weinen, aber er lächelte. „Was habe ich denn getan? Alles in allem, nichts, gleich Null, das ist es, was ich getan habe. Also bitte recht sehr, behalten Sie den Dank für sich. Nein, lassen Sie mich in Ruhe! Ich habe gedacht, dieses Mütterchen kann ich gut brauchen. Diese arme Frau hat nichts zu nagen und zu beißen und wird alles für billiges Geld tun. So habe ich gerechnet, genau so. Ich habe Mütterchen dreißig Mark gegeben und dafür sollte sie meine Mutter pflegen und ernähren. Das ist alles, was ich getan habe. Und dann habe ich zuletzt monatlich fünfunddreißig Mark gegeben. Hier haben sie alles zusammen, fertig!“
Susanna lächelte. „Aber die Wohnung? Sie vergessen ja ganz die Wohnung. Nun? Nein, Herr Eisenhut, Sie waren ja stets so gütig. Es ist wahr, Mütterchen reichte nicht immer, dann mußte sie Schulden machen, beim Krämer, beim Fleischer und beim Bäcker. Und die Schulden wuchsen und wuchsen und Mütterchen verging vor Angst. Sagte ich zu Mütterchen: Sprich doch mit Herrn Eisenhut, er ist ja so gut. Ja, er ist so gut, das ist wahr, sagte Mütterchen und nahm all ihren Mut zusammen und sprach mit Ihnen. Ja, Sie wetterten und donnerten, aber eines Tages da lagen eben doch die zwanzig Mark auf dem Küchentisch und Sie haben kein Wort weiter gesagt, so sind Sie! So unendlich viel Gutes haben Sie uns erwiesen, Sie lieber Freund — ja, so nenne ich Sie — und Mütterchen spricht so oft von Ihnen und dankt Ihnen jeden Tag. Sie spricht nichts zu Ihnen, nein, das tut sie nicht, aber ihr ganzes Herz ist voll von Dank und sie geht hinaus um die Türklinke abzureiben, wenn Sie kommen, damit Sie sich nicht die Hände staubig machen.“
„Eisenhut!“ sagte die Baßstimme des Lehrers an der Küchentüre; er klopfte ungeduldig und schob den bärtigen Kopf herein. Die Gläser seien gewärmt. Alles sei bereit, um das Fest zu feiern. Eben sei ihm auch ein Gedanke wie ein Blitz durch den Hirnschädel gefahren, eine geniale Idee, die das Weltenbild total umforme —
„Sofort,“ sagte Eisenhut, „ich habe einige Worte mit Susanna zu sprechen.“
„Ja, wenn du mit Susanna sprichst, so kann ich warten, drei Tage und drei Nächte, ohne zu murren,“ sagte Lenz und zog sich zurück. Er begann einstweilen ein Lied zu brummen.
„Haben Sie mir alles gesagt, Susanna?“
Nein, es sei erst die Einleitung. „Es handelt sich um etwas sehr Wichtiges. Das Allerwichtigste, das es für mich gibt, Herr Eisenhut. Sie können es nicht erraten?“