„Hähä — für tausend Mark, für fünfhundert, für zweihundert,“ sagte Eisenhut kichernd.
„Nicht für eine Milliarde!“ entgegnete Lenz und schlug auf den Tisch.
„Pst, pst —“ sagte Mütterchen.
„Piepse ich nicht wie eine Maus? Nun — die Gegend war ja schön — Wein, Obst, schöne Mädchen — aber nicht für eine Milliarde —“
Susanna begann am ganzen Körper zu zittern und ihre Augen füllten sich mit Angst.
„Sieh mich an,“ sagte Grau und sie wandte ihm den Blick zu.
Grau lächelte. „Du hast recht, Susanna, wunderlich ist des Menschen Herz, ich will dir eine Geschichte erzählen — laß mich nur besinnen auf den Anfang und sieh mich nur an, es ist schön in deine tiefen schwarzen Augen zu sehen, süße Susanna, und zu plaudern — ja, eine Geschichte von einer alten Frau, ein Mann hat sie mir erzählt, der viel auf Reisen war. Aber sieh mich doch an und gib mir auch die Hand, so — es ist die Geschichte von einer Frau, einer Mutter von zweiundzwanzig Kindern. Haha, du lächelst, Susanna! Es ist aber so. Eine Frau in Persien, ich weiß nicht wo. Der Mann, der mir die Geschichte erzählte, wohnte bei dieser Frau, da sie siebzig Jahre alt war, er kannte die Schicksale von all den zweiundzwanzig Kindern. Es waren recht wunderliche und romanhafte Schicksale, das muß man sagen; und der Mann kannte sie alle, denn diese alte Frau sprach immerzu, vom Morgen bis zum Abend von ihren zweiundzwanzig Kindern. Am meisten aber sprach die Frau von ihrem Sohne — wie hieß er doch — Haffis, es ist ja nebensächlich, also Haffis — denn Haffis war ihr Lieblingssohn. Sie erzählte von Haffis und es war anzuhören wie ein Gesang. Was für ein Knabe dieser Haffis doch war! — Wie schön, wie stark, wie kräftig und kühn er doch war! Doch all das, diese Schönheit, Kühnheit, Stärke des Knaben, wer hätte annehmen können, daß sich das verhundertfachen würde als der Knabe zum Jüngling heranwuchs? Seine Mutter, jene siebzigjährige Greisin, sprach mit Feuer in den Augen von ihm, sie sprach von ihm wie von einem Gott, der auf die Erde herabgestiegen war. Man konnte mit einem schnellen Pferde drei Menschenleben lang in der Welt herumreiten, ohne wieder solch einen Jüngling wie Haffis zu finden. So schön, so stark, so kühn! Sie, die Mutter, hörte es mit eigenen Ohren, wie die Mädchen, die aus den Dörfern ringsum herbei kamen, vor dem Fenster Haffis wehklagten und seufzten vor unsinniger Liebe.“
„Es gab nur einen Haffis! Wie er ging, wie er zu Pferde saß!“
„Nun, wie ging er denn?“ fragte der Fremde, dem die Greisin von ihrem Sohne vorschwärmte, „ging er so, ging er so?“ Und der Fremde ging so stolz und herrisch wie nur möglich.
„Aber die Mutter lachte und schüttelte den weißen Kopf.“