Lebe wohl, Mütterchen, kleines, hilfloses Mütterchen, lebe wohl! Die Blätter, die Halme, die Blumen, lebet wohl. Lebe wohl, Himmelsblau, ihr Wolken am Himmel, lebet wohl!

Susanna lag in den Kissen und ihre Augen wanderten hin und her, sie konnte nicht mehr sprechen, ihre Stimme war erloschen, aber ihre Augen sprachen.

So sommerlich still war es. Mütterchen schlich herum und selbst Lenz dämpfte die Stimme. Die Vögel zwitscherten und in der Ferne schlug ein Fink, immerzu, vom Morgen bis zum Abend. Nachts herrschte tiefes Schweigen, oft war es als schüttele sich ein Busch im Garten oder als zittere eine Wand, das war alles. Die Güterzüge schleppten sich in der Ferne vorbei und ein hohles dumpfes Echo rollte lange im Tal.

Grau saß am Bette. Er sah krank und übernächtig aus, in den letzten Wochen hatte er nicht mehr regelmäßig geschlafen. Seine Wangen waren hohl und sein Blick fieberte wie Susannas Augen, aber seine Lippen waren rot.

Susanna konnte nicht mehr sprechen, aber wenn man das Ohr an ihren Mund hielt, verstand man mühsam, was sie sagte. Sie hatte nur selten etwas zu sagen.

Sie sagte: „Heute nacht habe ich geträumt, ich ging im Walde, wie herrlich dunkel war es da! Grüne Dämmerung! Und alle Bäume waren so alt und standen regungslos da. Ich mußte denken, wie regungslos sie dastehen und ich fühlte, wie ich selbst steif wurde und anwurzelte am Boden wie ein Baum. Ich konnte kaum mehr atmen. Es war schön!“

Das war alles was sie an einem Tage sagte.

Sie sagte: „Wenn ich auf der Bank auf der Höhe saß und von dem Großen und Seltenen träumte, das kommen sollte, so dachte ich, es wird wohl ein Mann sein, der dich liebt. Wie du das erraten hast? Du sagtest: Haben Sie nicht auch von Liebe geträumt? Aber wie hätte ich denn das sagen können! Nicht? Und ich habe gedacht, er wird sagen, daß meine Hände schön sind — denn sie sind ja schön, nicht wahr? Du hast es gesagt und zu Adele sagtest du, ich habe Hände wie eine Japanerin. Das hat mich so glücklich gemacht!“ Sie lächelte, aber es schien, als ob ein allzu großer Schmerz sie überwältige, denn ihre Lippen zuckten und ihre Schläfen begannen zu zittern. Sie fuhr fort: „Denn was ein Mensch Schönes an sich hat, das möchte er entdeckt und bewundert haben von dem, den er liebt, und selbst das, was nicht schön und gut an ihm ist, das möchte er doch ein wenig schön und gut gefunden haben. Ist es nicht so? Das würde ihn glücklich machen. Und gewiß, er würde sich Mühe geben, daß es schön und gut werde. Wie wunderlich ist doch der Mensch! Je mehr ich über des Menschen Herz nachdenke, desto wunderlicher erscheint es mir. Wer könnte es je verstehen? Es ist wie ein Zauber, wenn man es betrachtet, verändert es sich und betrachtet man es nun, so hat es sich schon wieder verändert. Es lebt in uns wie ein fremder Gast in einem Hause, den man nie zu sehen bekommt.“

Sie lag still und lauschte. „Vater spricht!“ sagte sie mit den Lippen ohne Laut.

„So empfindlich bist du geworden, Eisenhut!“ sagte Lenz mit gedämpftem Baß in der Küche draußen. „Wie du aussiehst! Wie ein Fex. Er kann nicht in Heuschobern und im Walde schlafen, hast du es gehört, kleines Mütterchen — haha! Wie eine Prinzessin ist er. Aber wir können ja auch in Gasthäusern schlafen, in seidenen Betten. Trinke, sage ich dir, trinke. Ob du trinkst oder nicht, das hindert ja nichts an der Welt, die Welt bewegt sich so und so — aber wenn du trinkst, hast du vielleicht einen guten Einfall, einen Gedanken, der dich erleuchtet, deshalb trinke. Morgen lichten wir die Anker, Eisenhut, mitzunehmen brauchst du nichts, nur kein Gepäck schleppen. Heute da, morgen dort. So ist es angenehm zu leben. Die Menschen sind schön für einen Tag, zwei Tage, deshalb immerzu vorwärts, am dritten Tage werden sie ja doch schon häßlich. Habe ich etwa den Bürgermeisterposten angenommen, obgleich sie eine Deputation in die Scheune schickten, wo ich schlief, wie? Nicht um eine Million Jahresgehalt, mein Freund!“