Das Versprechen war gegeben, Susanna konnte es nicht mehr lösen, das Versprechen wird gehalten werden. Niemand hatte je erlebt, daß er ein Versprechen brach.
Aber seine Augen wurden brennend und seine Wangen hohl.
Er betäubte sich in rastloser Tätigkeit.
In jeder freien Stunde suchte er Mütterchen auf.
Verlassen lag Susannas Häuschen in der Wiese und obschon es im Dampfe der Sonne lag, so sah es doch elend aus. Mütterchen wohnte darin und eine blöde alte Frau, Eisenhuts Mutter. Alle Knospen brachen auf und die Blumen wuchsen in Susannas Garten bis zu den Fenstern empor. Aber das kleine Haus sah elend und öde aus. Verlassen war es. Die Luft im Zimmer war eine andere, das Zimmer selbst sah ganz verändert aus. Dieses leere Bett, die verwelkten Sträuße in den Krügen, ein paar bestaubte Bücher auf dem Tisch. Selbst die Farbe der Wände und Möbel schien sich verändert zu haben, auch der Schritt klang anders, wenn man durch das Zimmer ging.
All die schönen Träume Susannas waren aus dem Häuschen ausgewandert, all die freundlichen Wesen, die sie im Leben umgeben hatten, sie hatten das Haus verlassen.
Mütterchen saß still mit der Hornbrille auf der großen Nase in einer dämmerigen Ecke des Zimmers und besserte Susannas Strümpfe und Wäsche aus. Sie weinte nicht, sie saß da und stopfte und sprach mit Susanna. „Es wird Zeit sein dein Essen zu richten, Kindchen,“ sagte sie. „Huste nicht so viel, Susanna, es schadet dir ja.“
Zweimal kam sie am Abend zu Grau geschlichen und pickte an seine Türe: Ob er die Schuhe noch habe? Ja, dann sei es gut. Sie kam, setzte sich auf einen Stuhl und weinte. Diesem Schmerze gegenüber war Grau machtlos. Er war so tief und edel, daß Grau auch nicht den Versuch wagte, Mütterchen zu trösten, die durch die Nacht geschlichen kam, nur um bei ihm zu weinen. Erst jetzt schien es ihr bewußt zu werden, daß Susanna tot war.
Grau erfüllte seine Pflichten wie ehedem, abends kam Eisenhut zu ihm zur Stunde. Nach der Stunde plauderten sie eine Weile; sie stellten die Reiseroute zusammen, denn Eisenhut sollte nun bald reisen. Er hatte sich schon sechs große Lederkoffer angeschafft.
Zwischen den beiden hatte sich ein aufrichtiges Freundschaftsverhältnis gebildet. Das lange Krankenlager Graus hatte einen ganz ungezwungenen Verkehr zwischen ihnen herbeigeführt und Grau brauchte nicht mehr zu befürchten, Eisenhut scheu oder argwöhnisch zu machen oder ihn durch seine Bevormundung zu beschämen.