Grau dachte mit Wehmut an Susanna, aber er war nicht traurig: Sie war ja nicht tot, sie war ja lebendiger als er.
Der Mensch ist wie ein Bote, dachte er, der eine Botschaft zu tragen hat; er weiß nicht was in der Botschaft steht, aber er trägt sie ans Ziel und sein Zweck ist erfüllt. Die Geburt ist nicht der Anfang der menschlichen Existenz, der Tod nicht ihr Ende. Ein Stück der unendlichen Bahn, die die Seele zu durchmessen hat, der Bahn der Weltkörper vergleichbar, ist das irdische Dasein. Ewig wechselt das Leben die Form und das Gegenwärtige ist nichtig klein im Verhältnis zum Unvergänglichen. Die Blumen von diesem Sommer, wo werden sie sein, die Völker, deren Könige sich heute brüsten, wo werden sie sein? Das große Gebirge, Sturm und Wetter werden es zerreiben, wo wird es sein, die Erde, wird sie nicht einst als eine winzige Wolke von Staub durch den Weltenraum ziehen, das Planetensystem, wo wird es sein? Vergangen, verweht, aber irgendwo am großen Werke des Lebens tätig, das ewig saust und braust.
Die nächsten Tage glitten still dahin und er fühlte an seiner Ruhe, daß Susanna jetzt glücklicher war. Zuweilen kam sie auf unerklärliche Weise in all seine Gedanken; nicht nur aus Menschen und Tieren, selbst aus den Bäumen, dem Grase, toten Dingen schien ihm etwas von Susannas Wesen entgegen zu dringen.
Sie schien stets um ihn zu sein, und seine Empfindung wurde so lebhaft, daß er sie einmal in der Dunkelheit des Zimmers stehen sah. Sie war schön und schlank. Ich bin es, sagte sie, ich bin immer bei dir. — Bist du es denn wirklich? fragte er. Sie antwortete: Weshalb zweifelst du?
Er sah sie lange an, sie verschwand und er blieb allein. Es war als ob er rings in Abgründe starrte, er erschauerte und stand auf. Wie lebhaft ich doch empfinde, dachte er und öffnete das Fenster: Sterne, Sterne und Friede in sanfter Nacht. Das war die Welt, der er angehörte.
Er lächelte und blickte auf Adeles Park. Die Bäume standen im Schlafe, aber sie bebten leise. Ein unbestimmtes Licht rieselte an ihnen herab und die höchsten Blätter wendeten sich langsam hin und her, als ob jede Blattseite dem Lichte der Sterne ausgesetzt werden sollte. Die weiße schmale Mauer glich einem Streifen von Linnen, das zum Trocknen aufgehängt war und sich im verblichenen Schatten einzelner Zweige leise zu bewegen schien.
Eine unwiderstehliche Macht trieb Grau hinaus. Aber in dem erhabenen Frieden der Nacht kam er sich wie ein Eindringling vor, wie einer, der das Gesetz der Natur, die die Nacht zum Schlafe bestimmt hatte, übertrat. Er dämpfte unwillkürlich seinen Schritt. Er ging bis an das Parktor und hier blieb er lange stehen.
Plötzlich erinnerte er sich an das Versprechen, das er Susanna gegeben hatte. Er neigte den Kopf. Ich werde halten, was ich versprochen habe! sagte er und ging langsam nach Hause.
Aber gerade als er einschlafen wollte, begann ein Vogel in Adeles Park zu singen und es klang, als sei es Adeles eigene Seele, die lockte. Er lauschte mit verhaltenem Atem. Schmerz erfaßte ihn. Er preßte die Hände auf die Augen und wiegte den Kopf hin und her. Singe nur, du kleiner Vogel! Singe nur! Endlich schwieg der Vogel still, aber Grau hörte ihn wieder im Traume zwitschern. Er träumte, er gehe mit Adele auf der Höhe und Adele sah ihn an mit traurigen Augen. Sprich doch! Sprich doch! sagte sie. Er aber schüttelte den Kopf. Ich kann nicht, antwortete er. Adele faßte seine Hand und bot ihm die Lippen. Er aber wandte sich ab und rief: Nein, nein! Und er entfloh in aller Hast, Adele rief hinter ihm. Da erwachte er wieder. Sein Herz brannte vor Sehnsucht, überall winkte und lockte es, es leuchtete wie Feuer vor seinen Augen.
Er stand auf und machte Licht und schickte sich an zu arbeiten, während die Stille der Nacht tiefer und tiefer wurde und der Tag langsam graute. Aber während er arbeitete, hatte er das Gefühl, daß sein Herz blute und nimmer aufhörte zu bluten.