Er ging mit Grau ins Haus und drückte ihm die Hand. „Schön,“ sagte er, „schön hast du deine Sache gemacht, einfach. Kein Wort zu viel. Bei einer Susanna Lenz, der Tochter eines freien Mannes, braucht es keine großen Worte.“
„Wie hast du es denn erfahren?“ fragte Grau.
Lenz sah sich im Zimmer um und lächelte, als er den Heiligen an der Wand sah, jene Reproduktion eines alten Meisters. „Vorbei,“ sagte er, „vorbei ist es mit diesen Heiligen, in Frankreich schleift man die Kirchen. — Hast du ein Glas Wein oder Kognak, ich bin ganz ausgetrocknet? Nein? Es ist ja nicht gerade nötig. Ich habe es erfahren in Hirschhorn, einem kleinen Nest. Der Wirt sagte, ist deine Tochter gestorben? Nein, sage ich, meine Tochter stirbt nicht so schnell. Es ist eine Lehrerstochter gestorben, Susanna Lenz. Es gibt nur eine Susanna Lenz, also mußte sie es sein. Ich machte mich auf den Weg und hatte Tag und Nacht zu gehen um zur rechten Zeit einzutreffen. Als ich nachts durch den Wald ging, erschien mir Susanna — nein, es war natürlich nur eine Sinnestäuschung. Ich bin nicht traurig, nein, ich bin nur erstaunt, daß sie so schnell starb, an diesem bißchen Brustleiden. Ja, sie war prächtig, meine Tochter, eine Art Heldin, treu wie Gold, voll salomonischer Weisheit! Aber ich bin nicht traurig. Eine Schwalbe fliegt in der Luft, fällt herab und ist tot. Warum sollte es mit den Menschen anders sein? — Hier lief übrigens eben eine Maus über den Boden —“
„Sie lebt hier,“ sagte Grau.
„So?“ Lenz lächelte und stand auf. Er trat auf Grau zu und faßte ihn bei der Schulter. „Sieh mir in die Augen!“ sagte er in befehlendem Tone. „Antworte auf meine Fragen! Du hast Susanna immer gut behandelt? Hast ihr nie böse Worte gegeben?“
„Nein, ich glaube nicht!“ sagte Grau und sah Lenz an.
„Du hast sie nie gekränkt? Sprich die Wahrheit! Du hast sie nie beleidigt, bist ihr stets mit schuldigem Respekte entgegengetreten?“
„Ich glaube, ja!“
Der Lehrer drückte ihn an die Brust. „Dank!“ sagte er. „Dank! Ich liebte Susanna sehr!“ Er pfiff durch die Zähne und nahm Hut und Stock. „Fahre wohl, mein Sohn! Ich ziehe wieder hinaus und immer vorwärts, daß die Erscheinungen hinter mir zerrinnen. Die Welt ist weit, wir werden uns nicht wiedersehen. Aber was schadet es, wir werden trotzdem inniger verbunden sein, als Leute, die sich jahrelang gegenseitig die Kniescheiben einrennen, denn wir gehören ja zum internationalen Orden der Edelleute. Diesmal werde ich eine weite, weite Reise antreten! Zuvor aber will ich einen kleinen Spaziergang in den Straßen dieses Pfahldorfes machen — siehst du diesen Stock hier? — die Eingeborenen hier hassen mich und fürchten mich wie einen tollen Hund. Es ist ja Ironie, aber sie haben mich ausgewiesen aus ihrem Negerkral. — Ich werde hin- und hergehen und mich sehen lassen. Weh dem, der es wagt mir in den Weg zu treten, heute! Ich prügele ihn durch, wie es sich gehört! Dann werden sie sagen: Lenz ist ein Lump, er rauft am Beerdigungstage seiner Tochter! Ha! ha!“
Er lachte, warf den Kopf in den Nacken und ging.