Grau saß lange Zeit regungslos und sah sie an. Seine Hände zitterten von der Erregung der letzten Stunde, es war über seine Kräfte gegangen. Dann wuchs die Trauer in seinem Herzen, eine schwere dumpfe Traurigkeit, die ihn niederbeugte. Er küßte Susannas kleine Hände.

Er hatte sie ja so sehr geliebt.

Es wurde blendend hell im Zimmer. Das Wetter war vorübergegangen und die Sonne schmolz rasch den Schnee, die ganze Welt glänzte und die kleine stolze Rose in Susannas Garten glitzerte im Tau, als ob sie vor Freude geweint hätte.

Mütterchen war ruhig, ja förmlich gleichgültig. Die Natur ist gütig und versenkt ein Herz, das der plötzliche Schmerz vernichten würde, in eine Art von Betäubung. Sie schien allein durch den Gedanken vollkommen beruhigt zu sein, daß Susanna gestorben war ohne es selbst zu fühlen.

Aber als die Dämmerung kam und Susanna noch immer so still und gleichmäßig lächelnd lag, begann sie leise zu weinen. Sie nahm Graus Hand, sah ihn bittend an und sagte: „Mache sie mir wieder lebendig!“

Grau schüttelte den Kopf. „Laß sie ruhen, Mütterchen, sie ist ja lebendiger und glücklicher als wir.“

Mütterchen war wieder ganz ruhig.

Achtes Kapitel

An einem schönen wolkenlosen Sonntage wurde Susanna begraben. Die Sonne funkelte, die Luft zitterte vom Lärm der spielenden Kinder, alles trug Festtagskleider und die jungen Mädchen gingen alle in Weiß und wiegten sich und kicherten. Vor dem „weißen Elefanten“ konzertierte die Stadtkapelle.

Grau hielt eine schlichte Rede, er machte nicht im entferntesten solch schöne Worte wie seinerzeit bei der Beerdigung der Margarete Sammet. Die Freundinnen waren zur Bestattung gekommen, Adele und die Schwestern Sinding und einzelne von den Mädchen, die das Fest mitgemacht hatten. Auch Lenz kam. Er war bestaubt und erhitzt und kam gerade, als sie den Sarg hinabließen. Er trug einen hellen alten Sommerrock, war ohne Kragen und Binde, und hatte einen knotigen Stock in der Hand. Als ihn die Leute ansahen, räusperte er sich herausfordernd.