Der Freiherr lächelte und zuckte die Achseln.
„Nein, Pardon — ich verstehe nicht, wirklich —“
Grau sah ihn an und näherte sich ihm noch mehr. „Ich will Ihnen noch einige Tage Zeit lassen!“ flüsterte er. „Aber nicht mehr viele!“
„Bitte? Ich kann nicht verstehen?“ stammelte Herr von Hennenbach — aber Grau war schon gegangen. —
Der Sommer war auffallend warm und Grau liebte es, seine freien Stunden in seinem Gärtchen zuzubringen, das eingekeilt zwischen den Nachbarsgärten mit den hohen schattigen Bäumen besonders sonnig aussah. Er pflegte ihn mit aller Sorgfalt. Er kannte hier jede einzelne Blume, ja fast jeden einzelnen Halm. Da konnte er stehen und stehen und sich umsehen und es kam ihm vor, als ob er im Kreise von Geschwistern weile.
Dieses kleine Stück Land erfüllte ihn mit Andacht.
Das waren ja seine Blumen und Halme, des großen Gottes Blumen und Halme, ersonnen von ihm, geliebt von ihm und auf dem kleinsten ruhte der Blick seiner tausend funkelnden Augen. Für ihn, den Unfaßbaren, war dieser Garten so viel wie der Lustpark einer Königin und sein gütiges Lächeln hatte auch ihn gesegnet, daß er ein einziges Wunder war. Es wimmelte von Leben, jeder Zoll des Bodens war bewohnt, belebt, lebendig, jede Scholle eine wimmelnde Stadt, jedes Krümchen ein Haus, jede Furche eine Straße.
Grau stand und schüttelte den Kopf. Er begriff es nicht. Nicht die kleinste Fliege konnte er verstehen. Seht sie an, sie hat Augen, Organe, Flügel, sie weiß sich zu bewegen, sie fliegt. Seht den kleinen Käfer an, er hat es eilig, geht seinen Bedürfnissen nach, er hat zu tun, Tag und Nacht, Wünsche, Verlangen, Geschäfte, so klein er auch ist — er ist ein Kind des großen Gottes und der Unbegreifliche hat nicht vergessen, daß er lebt.
Grau stand und blickte in den Sommerhimmel empor. Er betete. Er betete ohne Worte und ohne Gedanken. Er sandte seine Seele der Heimat zu.
Diese Stunden in seinem Garten waren herrlich und reich. Die Luft schien erfüllt mit Geheimnissen und Liebe und er atmete Geheimnisse und Liebe mit jedem Atemzuge ein. Alle Dinge ringsumher sahen ihn an und sein Gedanke flüsterte immerzu. Er selbst dachte ja nicht, der Gedanke in ihm flüsterte und ruhte nicht. Siehst du den Baum? flüsterte der Gedanke: Äste, Verästelungen, Nerven, ganz wie du. Siehst du den Vogel fliegen? wisperte der Gedanke: Bist du nicht selbst ein Vogel? Hast du gesehen, wie junge Mädchen einen Abhang hinablaufen und die Arme bewegen gleich Flügeln, die Lebenslust auszudrücken? Wie ein Mensch dem andern Willkommen winkt? Siehst du die Katze? sprach leise der Gedanke: Was zieht dich zu ihr? Was zieht sie zu dir? Ihr seid ja alle das Gleiche, du und die Katze und der Baum — eine verschieden gestaltete, verschieden gefärbte Blume auf Gottes Acker nur ist der Mensch. Fühlst du die Lebenswelle? flüsterte der Gedanke: Sie kommt aus dem Unendlichen, da wo die Gestirne funkeln, sie umspült in jeder Sekunde die Erde, Millionen Leben erzittern, erblühen, sie jagt dahin, durch dich hindurch, durch die Wälder, das Meer, zur Sonne, zu den Sternen, zum fernsten Sterne, und ist hier und dort, jagt, jagt und hat keine Eile.