Der Abend war soeben gekommen und er war herrlich; die Luft war warm und dicht und man konnte sie gleichsam mit den Händen greifen. Sie hüllte einen vollkommen ein wie ein warmes Bad. In der Stadt klangen Laute, Singen, Lachen, die Grillen zirpten, die Frösche lärmten in der Ferne, aber hier oben war es auffallend still. Obgleich die Schatten schon tief und verschwiegen lagen, so sah man doch noch Gesicht und Hände, gleichsam leuchtend. Grau sah jeden Zug in Adeles Gesicht und doch war es ringsum dunkel.
Er nahm den Hut ab.
„Ja, ich bin hier,“ antwortete er und trat näher. „Verzeihen Sie mir, es ist gewiß nicht schön vor einem Hause zu stehen und zu warten. Aber ich wollte nicht hineingehen. Ich warte schon seit vielen Tagen, Fräulein von Hennenbach, ich möchte mit Ihnen sprechen. Ich habe erfahren, daß Sie morgen reisen.“
Adele zog das Tuch fester um die Schultern. „Ja, morgen früh.“ Sie lächelte und schloß das Gitter. „Es ist ganz zufällig, daß ich ausgehe.“
„Ich wußte, daß ich Sie heute treffen würde!“
Adele sah ihn mit großen Augen an. „Bitte?“ sagte sie dann und das kleine Wort verriet ihre Bereitwilligkeit ihn anzuhören und alle Nachsicht. „Wollen wir ein wenig gehen?“
„Ja, gerne!“
Grau ging still neben ihr her. Adele atmete tief die Abendluft ein und blieb einen Augenblick unter einem Busche stehen, der auffallend stark roch. Er roch wie Vanille. Grau blickte zu Boden, dann sah er Adele an und begann: „Ich habe nachgedacht, ich finde keine Ruhe mehr.“ Er schwieg; wie sein Herz doch schlug! So konnte er nicht beginnen. Er sammelte sich und setzte hinzu: „Sind Sie entschlossen zu reisen?“
„Ja!“
„Wirklich entschlossen?“