„So bleich bist du, totenbleich, aber du bist doch ruhig. Ich liebe dich, ach, glaube doch nicht, daß ich dich nicht mehr liebe! Du hast vielleicht größere Kräfte in dir und bist vielleicht viel stärker als all die andern, die sich so stark und hart gebärden. Du gebrauchst deine Kraft nur nicht. Aber trotzdem bist du nicht der Rechte — auch der Baron nicht. Aber es muß ja sein! Du sollst mein Freund sein, ja immer, immer werde ich an dich denken und davon träumen, wie es wäre, bei dir zu sein! Aber es ist ja unmöglich.“

„Ich sagte, ich will dein sein und vielleicht sollte ich es auch. Aber du bist nicht ganz der Richtige, nun sollte ich auch keinem andern gehören. Aber das geht ja nicht. — Ich kann dir ja nicht alles sagen! Wie es bei mir zu Hause steht! Mama sollte in Bäder, aber wir sind ja nicht so reich, mein Bruder verdient nichts, die Pension meines Vaters reicht nicht weit. Und ich, auch ich koste Geld — so töricht ist das Leben, alles, alles kostet Geld — und die Bäder, die Mama aufsuchen soll — es kann ja nicht sein. Versprich mir, es ruhig zu ertragen, sei groß und stolz! Es muß ja sein. Sage kein Wort dagegen, ich habe alles überdacht. Du selbst hast ja gesagt, der Baron sei ein sympathischer und guter Mann, nicht wahr. Er liebt mich, er wird alles für mich tun, vielleicht wäre ich ja mit dir glücklicher geworden. Aber es ist ja nicht möglich.“

„Es war nicht leicht für mich zu dir zu gehen und all das zu sagen — beinahe hätte ich dir nur einen Brief geschrieben. Ja, ich habe es getan, drei Tage schrieb ich daran — aber dann habe ich so große Sehnsucht gehabt, dich noch einmal zu sehen. Du bist so schön, das habe ich gedacht, als ich dich zum ersten Male sah. Wie deine Augen glänzen. Sie glänzen genau wie Susannas Augen, wenn sie Fieber hatte. Wie gut bist du auch gegen Susanna gewesen!“

Adeles Lippen bebten. „Lebe wohl!“ sagte sie.

„Es gibt ja keinen Ausweg. Du weißt nicht alles. Was könnte ich tun? Nichts würde etwas helfen. Es hat nichts geholfen, daß ich zu Eisenhut ging und mich vor ihm demütigte und ihn streichelte — wie ein Tropfen auf einen heißen Stein war es ja — es hat auch nichts geholfen, daß das Haus abbrannte — es mußte ja brennen! — es mußte ja brennen! — auch das hat nichts geholfen. Ich liebe Mama. Aber das ist nicht alles. Ich liebe mich! Ich habe Furcht vor der Armut, schreckliche Furcht vor der Dürftigkeit, das ist die Wahrheit. Ich habe auch den Wunsch alles zu zerstören und auch mich. Du bist so gut und schön, ich werde immer, immer an dich denken — aber es gibt keinen, keinen Ausweg mehr. Sage nichts, ich beschwöre dich, sage kein Wort dagegen, es gibt nichts anderes mehr. Um dich ist es mir schrecklich leid, um dich. Ich gewöhne mich an alles. Lebe wohl!“

Sie umschlang Grau und preßte ihm einen langen Kuß auf den Mund.

„Lebe wohl, Adele!“

Sie ging. Sie winkte noch den ganzen Zaun entlang, sie ging rückwärts und winkte. Sie war gegangen.

Grau war allein. Er setzte sich auf einen Stuhl. Da saß er und es wurde dunkel, er regte sich nicht. Die Glocken läuteten schrecklich.

Sein Gesicht hatte den Ausdruck des Staunens angenommen. Die Brauen waren in die Höhe gezogen, die Augen waren groß, der Mund stand halb offen.