Scheint nicht manchmal ein entsetzlicher Schrei durch die Nacht zu hallen, aller Menschen Stimmen, die sich zu einem einzigen Schrei der Anklage vereinigen, zu einem Schrei nach Erlösung?

Ein Schweigen noch furchtbarer als dieser Schrei ist die Antwort.

Grau saß regungslos im Bette und starrte vor sich hin. Und er sah Tausende von Menschen vor sich, die im Bette saßen und starrten und nur den Wunsch hatten, zu vergessen, zu schlafen, nicht mehr zu denken. Aber draußen in der finstern Nacht murmelte und tobte es und wollte nicht ruhig werden.

„Wenn man doch etwas tun könnte,“ sagte Grau und nickte und seine Augen brannten. „Nichts sollte mir zuviel sein, nichts! Aber man ist ja so arm — viel zu arm!“

Die Kerze erlosch, aber er regte sich nicht. Nun war es dunkel um ihn her und er starrte in dieses Dunkel hinein, seine Züge fielen ein, sie verzerrten sich. Er dachte, dachte, grub die Zähne in die Lippe —

Aber mit einem Male veränderte sich der Ausdruck seines Gesichtes und seiner Augen. Er blickte auf das Fenster, und Neugierde, Erstaunen, Verwunderung und Freude spiegelten sich in seinen Zügen.

Auf diesem Fenster jedoch war nichts Besonderes zu sehen. Es war eine schwarze Scheibe und vom Marktplatze, von irgendwoher fiel der Schein einer Laterne darauf, so daß feine Lichtbogen entstanden, wie man sie um den Mond sieht, wenn er einen Hof hat. Doch das war nicht alles. In diesem Lichtbogen lebte es! Es regte sich, es flimmerte, es zuckte darin. Feine Kristalle formten sich. Es war wie gesticktes Moos, wie feine zitternde Gräser, dann strebten schmale, wehende, glitzernde Pflanzen empor, dem Tang ähnlich, der auf dem Grunde des Meeres wächst. Weiße Korallenzweige wuchsen zwischen ihnen hindurch, verästelten sich feiner und feiner, etwas wie spitze Flossen tauchte auf, Sterne, deren Enden zitterten — und alles glitzerte und flimmerte als sei es aus Splittern von Brillanten gebildet.

Es war ein betörend schönes Bild, ein Wunder an Reichtum, Glanz und Formen, das eine unsichtbare Hand hier an das schwarze Fenster eines nichtigen Wirtshauses zeichnete.

Grau saß und seine Augen waren wach und hell und sahen zu, wie es sich formte, veränderte, wuchs. Auf seinen knabenhaften Lippen schwebte ein seltsames Lächeln und in seinen Augen war ein fremder Glanz. Er atmete wieder. Er atmete tief und befreit.

„Er schreibt! Er schreibt!“ flüsterte er leise und Freude erfüllte ihn und stummer Jubel. Gleichzeitig aber schämte er sich.