Dieses arme Mädchen! dachte er. Entsetzlich! Mit einem Seufzer der Lust empfangen, in Angst getragen, in Verzweiflung geboren und mit dem Leben bezahlt. Genug, genug!
Er schlief ein, wurde aber gleich darauf durch das Bimmeln einer dünnen Blechglocke geweckt.
Im Gastzimmer unter ihm rumorte die rauhe Stimme des jungen Barons. Hier und da bellte ärgerlich der kleine Wirt, und in nahezu gleichen Zwischenräumen ließ sich das leere Lachen der blonden Wirtin hören. Es hörte sich an wie der Ton einer kleinen dünnen Blechglocke, an der der Baron zog, wann es ihm gefiel. Einmal zog er zweimal nacheinander daran, ein andermal tat er nur einen kurzen, schrillen Ruck. Die Personen da drunten verkleideten sich, der Baron wurde zu einem Manne, der auf Flaschenscherben tanzte und seine Augen glühten.
Grau richtete sich im Bette auf. Er konnte nicht schlafen.
„Dieses arme Mädchen ist es ja nicht allein!“ rief er aus und schlug mit der flachen Hand auf die Bettdecke. „Da ist noch diese alte verzweifelte Mutter, die ganz von Sinnen hin- und herrannte und schrie. Da ist noch das arme verwaiste Kind! — Aber auch das ist noch nicht alles!“ fuhr er fort, wobei sich sein Herz zusammenkrampfte. „Tausende solch unglücklicher Mädchen gibt es, Tausende solch verzweifelter Mütterchen, Tausende solch verwaister Kinder! Tausende! Tausende! Tausende!“
Er befreite sich von diesem Gedanken.
Aber augenblicklich erschien an einer andern Stelle seines Kopfes ein Gefangener, der an der Wand der Zelle lehnte; es war Nacht, aber er schlief nicht, durch das kleine Gitter über seinem Kopfe drang ein fahles Licht, da stand er mit bleichem Gesichte, starrte vor sich hin und nagte an der Lippe. Wieder, da sah er in eine Kammer: Auf dem Bett lag eine tote Frau, eine Kerze brannte daneben, ein Kind saß auf dem Boden und lächelte ihm zu. Auf dem fahlen Gesicht der Toten stand mit erschreckender Deutlichkeit geschrieben: Ich wurde geboren und weiß nicht weshalb, ich habe gelebt, weiß nicht warum und weshalb bin ich doch gestorben? Nun aber kann ich den Weg zur Seligkeit nicht finden, ach! Dann sah er einen schlafenden Mann mit kurzen aschgrauen Haaren vor sich und er sah einen Gedanken, der im Haupte des Schlafenden wanderte. Der Gedanke wanderte hin und her, wie ein Licht, das in der Nacht wandert und vor verschlossenen Türen stehen bleibt. Plötzlich stand das Licht ruhig und loderte hell auf und der Schlafende erwachte verstört. Er schlüpfte in die Kleider, hastig, schlich sich aus dem Hause, verstohlen, und sein schneller Schritt verschwand in einer dunkeln Gasse. Aus der Ferne drang ein entsetzlicher Schrei.
Grau schrak zusammen. Den Schrei hatte die blonde Wirtin ausgestoßen. Aber es war kein Schrei des Schreckens, es war ein schrilles, ersticktes Lachen. Der junge Baron verabschiedete sich, das Tor fiel ins Schloß und durch das ganze Haus lief ein dumpfes Zittern vom Keller bis zum Boden. Der Wirt zankte, die Frau lachte gedämpft. Schritte schlichen hin und her auf knarrenden Dielen, bald unten, bald oben, an seiner Tür vorbei. Es war der kleine Wirt, der nachsah, ob alles in Ordnung war. Er flüsterte, tuschelte, zankte. Und wieder knarrte sein schleichender Schritt durch das ganze Haus.
Graus Züge fielen ein. All das Leid, das auf der Erde war! Er fühlte es, es lag wie eine Last auf seiner Brust, er hörte es, ja, er roch es! Dunkler und dunkler wurde es in seiner Brust und endlich erschauerte er von all der Finsternis, die in seinem Innern war. Er preßte die Hände vors Gesicht und zitterte und dieses Zittern kam nicht von der Kälte allein. Die ganze Erde schreit ja immerzu, dachte er, sie zittert und bebt ja unausgesetzt. Wenn sich das Schluchzen einer einzigen Nacht vereinigt, so tobt es lauter als das wilde Meer! Dieses leise Weinen in den Kissen, dieses Klopfen der Herzen, das Keuchen der Sterbenden, die Schreie der Gebärenden —
Ob man auch das Auge schließt, was hilft es, das verquälte Antlitz des Menschen ist überall, es dringt durch die Lider hindurch, ob man die Ohren verschließt, was hilft es doch?