Die kleine verzweifelte Frau hörte auf zu lachen und lauschte, indem sie den weißen Kopf zur linken Schulter neigte und den Mund öffnete. Sie wandte sich nicht um, sie lauschte nur. Es war das große Geläute.

Die schmale Türe der Sakristei öffnete sich und der Vikar stieg die Stufen herab. Er war im Talar und auf seinem Arme lag ein Buch. Alle sahen ihn kommen und bildeten eine Gasse. Er schritt hindurch, den Blick auf den Boden geheftet. Er trat ans Grab und nahm das Barett ab.

Seine Haare waren braun und weich, mit einem Schimmer ins Rote, und alle konnten sehen, daß sein Gesicht lang und mager war.

Er schlug die Augen auf und sah nun aus, als ob er noch nicht zwanzig Jahre alt wäre. Er lächelte unmerklich und richtete den sanften, schimmernden Blick auf die weißhaarige Frau. Dann begann er zu sprechen. Es war totenstill und man hörte einen gedämpften Schritt im Schnee knarren. So leise sprach der Vikar, daß man ihn kaum verstand, seine Stimme zitterte und plötzlich blieb er stecken. Er schwieg eine lange Weile, errötete, aber er wandte den Blick nicht von der kleinen Frau ab. Dann fand er sich wieder zurecht und nun sprach er rasch und sicher bis ans Ende. Seine Stimme wurde nicht laut, aber sie schwebte doch klar und deutlich bis in jede Ecke des Friedhofes und ein feines, feierliches Echo antwortete von der Kirchenwand her.

Die Rede des Vikars war schlicht und nicht lang. Er sprach von den vielen Kränzen, die man der Verblichenen gebracht habe, und daß sie aus Nah und Fern gekommen seien, die sie kannten, so viele, viele seien gekommen, alle habe ihr Tod und ihr Schicksal erschüttert und in der Stadt und auf dem Lande trauere ein jeder um sie. Nun erst, da sie tot sei, wisse man, wie sehr man sie geliebt habe.

„Sie war jung und frisch und voll von Leben,“ sagte er, „ihr habt sie gekannt, ich habe nur von ihr gehört. Sie wandte sich ab von der Erde und starb den schwersten Tod, den es gibt.“

Der Vikar sprach davon, wie fleißig und treu sie gewesen sei, wie diensteifrig sie war und wie fein doch ihr Herz war.

„Es war so fein, ihr Herz,“ sagte er und lächelte leise, „sie starb an ihrem feinen Herzen. Sie glaubte auch, daß ihr alle sie mißachten würdet, sie fürchtete euren Blick, sie schämte sich vor euch. So fein war sie. Das aber wollte sie nicht. Da warf sie denn alles hin, was sie hatte, ihre Jugend, ihre Frische, ihre Erinnerungen, ihre Wünsche und alle Freuden, die auf sie warteten. Das alles warf sie hin. Viel zu viel war es, viel zu viel.“

„Viel zu viel war es, viel zu viel,“ wiederholte der Vikar, und das feine, klingende Echo rief: Zu viel, zu viel.

Da begann die alte Frau zu weinen, ihr Gesicht zog sich zusammen, nichts als braune Runzeln war ihr Gesicht, es sah wie eine Nuß aus.