Der Vikar blickte auf sie und lächelte. „Sie hat wohl Grund zu weinen,“ sagte er, „wer von uns allen würde nicht weinen an ihrer Stelle. Wir würden klagen wie sie und Worte könnten uns nicht trösten. Aber in ihrem Schmerze wird es wie eine feine Freude sein, daß die, um die sie trauern muß, so fein war und gut. Und sie wird ja ihr Kind haben! Es ist auch ein Mädchen, es wird wachsen, spielen, lachen, es wird etwas sein, das sie tröstet, nicht alles, aber doch viel, nicht wahr, viel!“
Nun sprach er ausschließlich zu der alten Frau und er sagte auch, daß ihre Tochter nun bei Gott sein werde, zu den feinsten Seelen werde sie gehören.
„Denn Gott versteht sich wohl besser auf Menschenseelen als wir,“ sagte er. „Er wird sagen: Ich habe gesehen, wie du gekämpft hast, wie du gerungen hast — ich habe alles gesehen, es ging über deine Kraft. Ich habe auch gesehen, daß du auf dem Wege zum Tode einem Kinde begegnetest und du hast es gestreichelt. Auch das habe ich gesehen, auch das. Ein Hund hat vor deinem Hause gebellt und du hast ihm Nahrung gegeben — damals warst du noch ein Kind — auch das habe ich gesehen und nicht vergessen, denke nicht, daß mir etwas entgeht und daß ich etwas vergesse — zittere nicht —“
Die alte weißhaarige Frau lauschte. Sie legte ein wenig den Kopf auf die Seite, ganz wie ein Vogel, der lauscht, und heftete die tränenwunden Augen auf die Lippen des Vikars; kein Wort sollte ihr entgehen, nichts, nicht das kleinste Wort. Sie begann leise und schmerzlich mit dem Kopfe zu nicken und die Tränen flossen langsam über ihr welkes Gesicht und tropften in den Schnee.
Der Vikar segnete die Tote ein und alle beugten die Köpfe, sein Blick ging über sie hin.
Unter all den Anwesenden befand sich ein Mann mit gelbem Gesicht und kleinem Spitzbart und dieser Mann war der einzige, der den Kopf nicht senkte. Er stand und lächelte und heftete die kleinen Mausaugen erstaunt und spöttisch auf den Vikar.
Der Vikar ging rasch durch die Menge hindurch und sein Talar verschwand in der schmalen Türe der Sakristei.
Die alte Frau folgte ihm und ging die Stufen empor. Aber hier geschah etwas Merkwürdiges. Auf jeder Stufe kniete sie nieder und küßte sie. Dann machte sie den Knöchel des Fingers ganz spitz und pochte an die Türe.
Sie blieb über eine Stunde in der Sakristei.