„Es wird sich nicht mit den Kirchengesetzen in Einklang bringen lassen,“ sagte der jüdische Händler, „so scheint es mir — die Kirchengesetze — eben —“
Hier begann der Schuhmachermeister sich vollständig zu verändern. Er schwoll an, sein Hals, sein Gesicht, er wurde dunkelrot, und mit den stierenden großen Augen hatte er Ähnlichkeit mit einem jener rotlackierten chinesischen Götzenbilder. Er sah aus, als wolle er den Händler vernichten, aber im letzten Momente schrumpfte er zusammen, er beugte sich zu dem Händler und reichte ihm mit übertriebener krampfhafter Freundlichkeit die Dose. „Mein Freund!“ zischelte er. „Mein Freund, Kirchengesetze, ich bitte Sie! Kirchengesetze hin, Kirchengesetze her. Gehen Sie zum Henker, mein verehrter Herr, mit Ihren Kirchengesetzen. Kirchengesetze? Ich will Ihnen —“
„Ich will Ihnen mal einen Fall erzählen,“ unterbrach ihn der Händler, die Prise Tabak auf dem Daumen.
„Lassen Sie mich mit Ihrem Fall in Teufelsnamen in Ruhe. Ich sage Ihnen, die Mutter, hören Sie, eine alte, kleine, eine arme kranke Frau, rannte wie verrückt herum und schrie, verrückt, ich wiederhole. Sie lief also ins Pfarrhaus, obwohl sie doch wissen sollte, daß unser Pfarrer gestorben ist. Sie klopft also, trommelt an die Tür, schreit, jammert. Er ist ja gestorben, der alte Hummel, sagten sie, ja, bei allen Heiligen, Sie wissen doch, daß er gestorben ist, vor einem Monat, Sie waren ja selbst bei der Beerdigung. Aber die Frau, hören Sie, sie verstand kein Wort, sie klopfte, pochte, hämmerte an die Tür. Sind Sie denn ganz verrückt, sagten sie, wie kann er aufmachen, wenn er tot ist? Es ist niemand da, keine Seele, der neue Pfarrer ist ernannt, aber er ist noch nicht da. Gehen Sie nach Weinberg, zum Dekan, er hat die Verwesung, gehen Sie dahin. Sie lief also nach Weinberg — sie lief eine Stunde weit im Schnee, geängstigt, gehetzt, verzweifelt — sie lief und lief — sie stellte sich vor das Haus des Dekans und schrie. Meine liebe Frau, sagt der Dekan — Gesundheit, Sie beniesen es — meine liebe, gute Frau, es tut mir leid. Hören Sie in Teufelsnamen, ich brauche also gar nicht erst Ihren Fall zu erfahren — lassen Sie mich in Ruhe mit Ihrem Fall, lassen Sie mich in Ruhe und Frieden damit — diese verzweifelte Frau wirft sich ihm zu Füßen, jammert, schreit. Aber alles ist umsonst, für die Katze, alles. Meine liebe gute Frau, sagt der Dekan, ich kann nicht. Es ist unmöglich. Ja, wenn der Lebenswandel Ihrer Tochter — ich kann nicht — ich sage, der Lebenswandel Ihrer Tochter — es tut mir leid. Die alte Frau, eine Greisin, grau, alt, ein beklagenswertes Mutterherz, wirft sich ihm zu Füßen, beschwört ihn in des Heilands Namen, aber er sagt, liebe, gute Frau, trösten Sie sich — des Allmächtigen Wege sind unerforschlich —“
„Da sehen Sie eben die Vorschriften!“ sagte der Händler und nieste dröhnend, indem er Mund und Nasenlöcher und Augen läppisch aufsperrte und das Coupé mit sprühendem Dunst anfüllte.
„Die Frau Dekan hat der verzweifelten Mutter eine Tasse Kaffee angeboten, es sind gute Menschen — aber eine Tasse Kaffee macht ihr die Tochter nicht lebendig, eine Tasse Kaffee ist kein Trost für ein verzweifeltes Mutterherz, keine Einsegnung.“
Hier wurde der Schuhmachermeister von einem Herrn mit langem messinggelben Schnurrbart und großer Glatze, Postadjunkt Kaiser, unterbrochen. „Sie hat ihn zurückgewiesen, den Kaffee“, sagte er. „Die Frau Dekan hat es mir selbst erzählt. Mein Mann kann nicht, es ist unmöglich“, sagte sie.
Der Händler nieste zweimal, leckte sich den Bart und sagte:
„Die Kirchenverordnung meine Herrn, es steht fest, die Kirche muß einen Unterschied machen zwischen einem Selbstmörder und einem anständigen Menschen —“ Der Lehrer ließ ein lautes Lachen hören — „zwischen einem Mädchen, das außerehelich entbindet und einer, sagen wir, einer barmherzigen Schwester —“
Aber der Schuhmachermeister mit dem Blähhals fiel ihm ins Wort. „Hören Sie auf!“ zischte er und sein Gesicht schwoll an, als werde es von einer unsichtbaren Macht bis zum Zerplatzen aufgeblasen. „Was verstehen Sie? Ich sage, solch ein Jammer, eine alte arme Frau, die nahe daran ist, den Verstand zu verlieren, ja, vielleicht hat sie ihn schon verloren? — Sie kniet vor dem Pfarrhaus und schreit wie besessen, sie rennt in alle Häuser und bittet die Leute zu bezahlen — die Kosten zu bezahlen — ein jeder ein wenig, dann ginge es. Sie will ja alles zurückbezahlen —“