Die Stimme eines kleinen graubärtigen und sauber gekleideten Mannes, der sich bisher mit keinem Worte an dem Gespräche beteiligt hatte, sagte: „Der Herr Dekan wird recht wohl wissen, was zu tun ist!“ Die Stimme sprach so bestimmt und die Kinnladen des alten Herrn bewegten sich mit solcher Würde, daß alle auf ihn hören mußten. „Weshalb also ereifern Sie sich so, meine Herren? Die Kirche kann ihre Segnungen nur Gliedern derselben angedeihen lassen, die sich ihrer würdig zeigen. Ein Mädchen jedoch, das einen solch unzüchtigen Lebenswandel führte und zuletzt zu all den Sünden noch jene des Selbstmordes fügte, ist meines Erachtens dieser Segnungen unwürdig — unwürdig, voll und ganz —“

Der Lehrer, der in der Mitte des Abteils stand, funkelte mit den Brillengläsern und brach in ein lautes lustiges Lachen aus, der alte Herr hielt inne und starrte ihn mit offenem Munde an. Diese Pause benutzte der Schuhmachermeister. Er rollte die Augen und schrie zu allen gewendet:

„Sodann also rannte die alte Frau, dieses gepeinigte Mutterherz, zu dem katholischen Geistlichen. In des Heilands Namen, helfen Sie mir! Aber der geistliche Rat sagt, es tut mir leid, liebe Frau, gehen Sie zum Herrn Dekan nach Weinberg. Ich habe hier nichts zu tun!“ Er schlug die Hände zusammen und ließ die Augen fragend von einem zum andern wandern.

Der graubärtige Herr hatte sich von seiner Verblüffung erholt und nahm das Wort wieder auf. „Ich selbst habe Angehörige auf dem Friedhof liegen,“ sagte er, „ich glaube den Herrschaften bekannt zu sein — Messerschmied Ulrich, eingesessener Bürger und Magistratsrat — ich wünsche nicht, daß meine Angehörigen in der gleichen geweihten Erde ruhen mit einer Person — nun, ich habe nicht zu richten — aber es ist in Ordnung, was der Herr hier sagt: Es muß ein Unterschied herrschen! Wer unwürdig ist, ist unwürdig.“

O Gott, o Gott, jammerte die Bäuerin in Trauerkleidern.

„Hier!“ schrie der Schuhmachermeister, „hier sitzt sie! Hier sitzt eine Tante von ihr! Sie muß so etwas mit anhören!“

Der Händler sagte: „Ein Unterschied muß herrschen, das ist klar!“

Da erhob sich der Schuhmachermeister und schrie zornig: „Was verstehen denn Sie, wie? Sie als Israelit, was verstehen Sie?“ Das rief ein lautes Gelächter hervor. „Nein!“ fuhr der Schuhmachermeister fort und dämpfte die Stimme. „Ich kann dem Herrn Dekan nicht recht geben und auch Ihnen, Herr Rat Ulrich, auch Ihnen kann ich nicht recht geben, niemals, niemals!“ Er flüsterte.

Messerschmied Ulrich zuckte die Achseln. „Ich äußerte nur meine bescheidene Meinung!“ sagte er und ein böser Glanz kam in seine Augen. „Ich gebe dem Herrn Dekan vollkommen recht und kann auf keinen Fall dulden, daß man eine Behörde öffentlich in dieser beleidigenden Weise kritisiert. Das ist meine Meinung! Ich kann nicht anders, Gott helfe mir, Amen!“

„Ja, Gott helfe ihm, Amen!“ sagte lachend der Lehrer. „Gott helfe dem Herrn Messerschmied Ulrich, eingesessenen Bürger und Magistratsrat und mache ihn selig, Amen! Er kann nicht anders! Er hat gestritten für die gute Sache und sein Leben dabei aufs Spiel gesetzt! Gott helfe ihm! Hahaha! Aber die Wahrheit ist die, meine Herrschaften, daß morgen Hochzeit auf Schloß Bruck ist, der Dekan hält die Trauung. Hohe Herrschaften kommen von allen Himmelsgegenden, nach der Feier ist großes Diner, bei dem der Herr Dekan beileibe nicht fehlen kann. Das ist — hol’ mich der Teufel! — der Grund, weshalb er so standhaft und mutig die in der Erde ruhenden Bürger, Ulrich und Konsorten verteidigt. Im übrigen kann er nicht da und dort sein, das versteht sich von selbst.“