Grau schob nie etwas auf. Er setzte sich augenblicklich an den Tisch und warf folgende Notiz auf ein Blatt: „Der Fleischergeselle Herr Anton Hammerbacher hat sich auf dem Vikariate eingefunden und die Erklärung abgegeben, daß seine Beziehungen zu dem Dienstmädchen Fräulein Margarete Sammet seit Jahresfrist vollständig gelöst waren. Seiner Aussage ist unbedingter Glaube zu schenken. Grau, Vikar. —“
Nun wurde es Abend.
Zehntes Kapitel
Der Schnee im Garten draußen leuchtete stahlblau, die Nacht brach schnell herein und mit ihr kam die Kälte, die kahlen Bäume begannen zu glitzern.
Grau gab sich dem schönen Gefühle des Alleinseins hin. Er setzte sein Abendessen zu, Linsen, dann ging er wartend hin und her in seiner Stube und dachte an tausend Dinge. All diese vielen Menschen, die er in den letzten Tagen kennen gelernt hatte, welche Mannigfaltigkeit und welche Einheit trotzdem.
Die Linsen begannen zu duften. Herrlich! Welch wunderbare Produkte es doch auf dieser Erde gab, Linsen, Nüsse, Erdbeeren, die Birne, die Weintraube. Man brauchte Stunden dazu sie alle aufzuzählen, nur um die Namen aller Nüsse zu nennen, wie lange doch? Und schon von den Namen dieser Dinge geht ein Zauber aus, man sieht sie, man schmeckt und riecht sie, sie sind die Meisterwerke von Millionen großen Chemikern, jeder noch so unscheinbare Strauch hat gearbeitet mit aller Kraft, um seine Frucht herrlich zu bereiten in dieser Welt, da in die kleinsten Dinge der Wunsch nach Vollendung gehaucht ist.
Man spricht ja nur von den einfachsten Produkten, wie Eisenbahnzüge und Schiffe sie in jeder Stunde über Kontinente und Meere tragen — Eisenbahnzüge und Schiffsbäuche gefüllt mit Wohlgerüchen, Farbenräuschen und Formenwundern! Man spricht ja von nichts anderem, oder?
Spricht man hier zum Beispiel von den Steinen? Von den Kristallen, den Quarzen, den Topasen, Smaragden, Diamanten? Oder von Perlen, Korallen und Muscheln? Nein. Man kann ja nur an ein Ding denken, man kann ja nur in eine Richtung denken. Wenn man gleichzeitig in alle Richtungen denken könnte, in tausend Richtungen? Man hat zuerst an die Nüsse gedacht, dann an die Diamanten, aber wenn man gleichzeitig an alle Dinge denken könnte? An die Steine, die Pflanzen, die Tiere und alle, alle Dinge zu gleicher Zeit? An die Muscheln, den Sand, die Palmen, die Kirschblüte, die Orchidee, die Mammutfichte, den Seestern, den Sägefisch, die Wale, die Tiger und die Giraffen, an die Papageien und die Adler — an alles in seinem Wesen, seinem Charakter, seiner Form und Farbe, würde man nicht taumeln wie der Habgierige, auf den es Gold herabregnet?
Man spricht ja nur von den einfachsten und nächstliegenden Dingen.
Und doch da draußen existiert das alles, jetzt, in diesem Augenblick wehen die Palmenwälder, die endlosen Fischzüge ziehen durch die Flut, die Elefantenherden weiden, da und dort ist eine Insel, auf der sich Schwärme von Paradiesvögeln sonnen, da und dort glüht jetzt eine Wiese in der Sonne und Tausende von farbenprächtigen Faltern schaukeln sich, an einem fernen Flußufer stehen Armeen von Flamingos, die Wölfe heulen im Schneefelde, in diesem Augenblick öffnet die schönste purpurne Blume in irgend einem einsamen Gebirgstale den Kelch, einerlei wo, in dieser Sekunde funkelt der Gischt einer Woge im stillen Ozean in der Morgensonne — es ist schön das zu denken, es betäubt, berauscht. Hat man an alle Dinge gedacht, nein, nur an wenige. Hat man an die jüngsten Geschöpfe gedacht, die der Mensch selbst schuf? Die Geige, die sausenden Maschinen, menschliche Gehirne in Eisen, die großen Dampfer, die mit ihren Schrauben die Flut des Meeres peitschen? Es ist schön daran zu denken, es macht reich.