Es war kalt, aber die helle Sonne schmolz den Schnee auf den Dächern und wo man ging, fielen einem langsame schwere Tropfen auf die Hand, den Hut, die Schultern. Vor allen Häusern waren Kinder, Frauen und Männer beschäftigt, das Eis aufzuhacken; in der ganzen Stadt hackte und pickte es lustig. Ein heller gleichmäßiger Lärm erfüllte die Straßen, fast wie ein Singen. Und unwillkürlich begann Graus Herz mitzuklingen. Im ersten Stocke eines schönen alten Hauses blitzte ein Fensterspiegel und das war wie ein Winken, ein Grüßen und durchfuhr ihn wie ein Gruß des Lichtes von weither. Vor einer Schmiede stand ein Schimmel und Grau sah ihm einen Augenblick lang in die großen Augen, die wie zwei schwarze Zauberspiegel glänzten. Er streichelte die Schnauze des Pferdes und flüsterte ihm ins Ohr und der Schimmel wandte sich nach ihm um, als ob er verstanden habe.
Die Straße machte eine Biegung und tauchte vollständig in Sonne. Die Sonne blitzte in allen Fenstern, in all den Picken und Äxten, in all den Tropfen, die langsam und schwer von den Dächern fielen.
Grau suchte sich seinen Weg zwischen den arbeitenden Leuten; er hatte eine eigentümliche Art sie anzusehen, ihnen zuzulächeln und in die Augen zu blicken. Was ist doch so sonderbar an den Menschenaugen, jener Schein, frage ich? Nun, sie haben alle Sonne, Mond und Sterne im Blut, das ist jener Schein, nicht wahr? Aber was ist doch jenes Leuchten in den Menschenaugen, jenes besondere Leuchten?
Grau nickte den kleinen Knirpsen zu, die arbeiteten, daß sie schwitzten, und als ein junges Mädchen mit halboffenem Munde an ihm vorüberging, starrte er das Mädchen beinahe erschrocken an. Das Mädchen knickste hastig und wurde rot. Ja, dachte Grau, etwas Schönes ist ein junges Mädchen, ob es nun Sommer oder Winter ist; die Vögel, die Blüten, Kinder und junge Mädchen, das ist alles ein und dieselbe Sache.
Er blickte dem jungen Ding nach und wäre beinahe überfahren worden. Ein Jagdwagen fuhr rasch daher, der junge Freiherr von Hennenbach kutschierte.
Grau durchschritt den Torturm. Es war ein schöner Tag heute, das mußte man sagen! Er atmete die frische Luft ein und fühlte wie seine Augen klarer und sein Geist freier wurden. Es ist ja nur die Luft, dachte er, großer Gott im Himmel, nur die Luft, nichts als die Luft, die Vögel atmen sie, die Bäume und Menschen, aber was ist sie doch? Er blickte in die Höhe, da glitzerte die Luft als sei sie aus kristallhellen Sternen gebildet. Die Bäume der Allee streckten ihre Äste zitternd in diese helle, sonnige Luft empor.
Vor seinen Blicken breitete sich die weiße, weite Ebene aus. In ihrer Mitte lag der vom Rauch geschwärzte kleine Bahnhof und aus einer Lokomotive, nicht größer als ein Kinderspielzeug, stieg feiner brauner Rauch empor. Der Schnee lag unberührt auf den Feldern, nur da und dort hatte der Wind mit ihm gespielt, ein Feld klippiger kleiner Berge gebaut oder Wellen und Schleifen in ihn gezeichnet. Er lag weithin wie schimmernder weißer Samt, auf dem es glitzerte, als sei der Samt mit Brillanten bestickt. In der Ferne sah es aus, als beginne der Schnee zu brennen, farbige Feuerchen bewegten sich auf ihm hin und her; lichtes Grün, feuriges Rosa, Schwefelgelb.
Auf der Straße gingen drei junge Mädchen und ein hagerer, etwas schiefschultriger Mann, der ein Bündel Schlittschuhe trug. Sie hatten es nicht eilig und gingen ganz langsam. Die Mädchen sprachen und lachten mit klingenden Stimmen und der schiefschultrige Mann, der in einem gelben abgetragenen Überzieher steckte, ein rotbraunes Halstuch und einen kleinen spitzen Hut trug, meckerte dazwischen und sprach in hastigen, abgerissenen Sätzen.
Zwei der Mädchen gingen Arm in Arm und waren ganz gleich gekleidet, ihre Haare waren von schlichtem deutschen Blond, auch ihr Gang war der gleiche; sie gingen beide als schritten sie auf einem Seil. Offenbar waren es Schwestern. Das Mädchen, das an ihrer Seite schritt, war etwas größer, freier in allen Bewegungen; sie trug den Kopf wie ein stolzes Tier im Walde. Sie war gekleidet in ein langes flottes Jackett aus seidenhaarigem Pelz, eine kleine Pelzmütze saß auf dem auffallend reichen, schwarzen Haar, das in einen lockeren Knoten gebunden war. Ein dünner gelber Schleier floß um die Pelzmütze herum und flatterte lustig im Winde.
Grau sah wie sie sich dahin bewegten und etwas in der Art ihrer Bewegung ergriff ihn nahezu bis zu Tränen. Sie gingen mit der Seele der Frau, mit der schwebenden, wehenden Seele der Frau, die in die Weite strebt, wartet, späht, lockt und hofft. Der Mann an ihrer Seite dagegen ging nicht, er schlich. Seine Seele war zusammengedrängt, gefesselt, er blickte in sich hinein, er war beschäftigt mit sich selbst, ob er auch plauderte und lachte.