Susanna lachte leise und hustete. „Wie sollte er es hören können, Mütterchen, er kann es nicht hören und wenn er das Ohr an die Türe legt — Herr Grau wird ihm nichts verraten, du solltest dir deine Leute doch ansehen. Aber der Herr steht ja immer noch, Mütterchen, siehst du es nicht? Ach, nicht diesen Stuhl, mein Herr, er ist nicht fest auf den Beinen.“
Mütterchen hatte sich abgemüht einen großen Lehnsessel herbeizuschleppen und wartete bis Grau Platz nehmen wolle. Grau dankte und ließ sich nieder. Der Stuhl war alt und knarrte, einen Augenblick lang glaubte Grau bis auf den Erdboden zu sinken. Aber schließlich saß er und es sah aus, als ob er nicht tiefer sinken sollte. Nun stand Mütterchen wieder wartend in der Ecke; in das Tuch gehüllt, mit der Brille sah sie wie eine Eule aus.
Susanna lächelte, blickte auf ihre gelben kleinen Hände und blickte wieder auf Grau.
„Aber das ist es ja nicht allein, daß sie so schön ist!“ fuhr sie fort. „Es ist noch etwas anderes.“
„Sie ist gewiß sehr eigentümlich.“
Ja, ob er das gefunden habe?
„Ich glaube, man kann es recht gut an ihren Augen sehen,“ sagte Grau, der Susanna unausgesetzt in die Augen blickte.
„Nicht wahr! Ja, sie ist so eigentümlich. Sie ist wie eine Fremde und hat eine ganz andere Seele als wir andern alle. Es ist so schwer sie zu kennen, und niemals kennt man sie ganz, denn immer kommt etwas Neues zum Vorschein. Man kann nie wissen, was sie fühlt. Sie ist so verschlossen. Sie scheint sich weder zu freuen, noch scheint sie zu leiden, ja manchmal könnte man glauben, sie habe gar kein Herz. Aber sie ist ja nichts als Güte, nur ist sie ganz anders gut als andere Menschen. Sie ist auch sehr mutig, unerschrocken und kaltblütig. Hören Sie, als es gebrannt hat im Schloß — Herr Grau haben wohl gehört von dem Brande —“
„Ich habe die Brandstätte gesehen.“
„— was denken Sie, was sie tat? Sie ging beim ersten Alarm zu ihrer Mutter ins Schlafzimmer und gab ihr ein Schlafpulver in Zuckerwasser. Denn die Mutter Adeles ist leidend und wäre wohl vor Schrecken gestorben. Die Mutter hat es selbst den Schwestern Sinding erzählt. Ist das nicht bewundernswert?“