„Merkwürdig. Vielen Dank für die Grüße, Herr Grau. Ich sah sie alle fünf über die Brücke gehen. Es waren die Schwestern Sinding von der Buchhandlung, sie sind Zwillinge, Klara und Maria Sinding. Sie sollten sie kennen, so gut sind sie, so treu und schlicht. Und dann war ja auch die andere dabei, nicht wahr?“ Susanna blickte fragend in Graus Augen. „Haben Sie die andere gesehen?“

„Fräulein von Hennenbach?“

„Ja, ja, ja! Haben Sie sie genau angesehen? Wie hat Sie Ihnen gefallen?“ Sie lächelte.

Sie war so gelb, so wächsern, so häßlich mit ihrer Hakennase, den eingefallenen Wangen und der niedern Stirn, aber sobald sie lächelte, sah man all das nicht mehr, man sah nur das Lächeln; es verzauberte ihre Wangen, daß sie jung und süß wurden, ihre Lippen kräuselten sich und enthüllten eine Reihe schneeweißer Zähne, die Augenbrauen zogen sich ein wenig an der Nasenwurzel in die Höhe, der Glanz ihrer Augen veränderte sich. Wenn sie darauf sprach, so war das Lächeln gleichsam in ihrer Stimme, sie wurde sanfter und singender. Mit dieser lächelnden Stimme wiederholte sie: „Nun, wie hat sie Ihnen gefallen?“

„Wie schön sie doch ist!“ sagte Grau und lächelte ebenfalls.

Susanna nickte ein paarmal. „Ja, wie schön sie doch ist!“ sagte sie. „Sie ist berückend schön, ja! Wenn die zu mir kommt — und sie scheut sich nicht zuweilen zu mir zu kommen, so stolz sie auch ist, wir sind Schulfreundinnen, müssen Sie wissen — wenn sie nun eintritt in das kleine Zimmer hier, so ist es mir, als wäre es Mai, Mai, und ich fühle mich gesund und stark und so reich werde ich plötzlich im Herzen. So schön ist sie! Ich liebe sie! Wie stolz sie geht! Ganz anders wie andere Menschen! Wie langsam sie den Kopf bewegt! Ich liebe es schöne Menschen zu sehen, ich liebe es, man fühlt sich selbst schön bei ihrem Anblick. Ich liebe Adele besonders. Wenn ich ein Mann wäre, so würde ich nicht eher ruhen, als bis sie mich wiederliebte. Nun es waren ja auch alle Männer der Stadt in sie verliebt!“

Grau lächelte. „Jetzt nicht mehr?“ fragte er.

„Freilich, aber sie hüten sich wohl es laut werden zu lassen,“ fuhr sie geheimnistuerisch fort, „denn sie hat sich über alle, alle lustig gemacht. Sie hat in Gesellschaft wieder erzählt, was sie zu ihr sagten — nun, das war ja vielleicht nicht recht von ihr — sie haben es alle wieder hören müssen, und dann — dann sagen sie auch, sie lege es darauf an, jeden Mann an sich zu ziehen — aber das ist ja immer so — auch er“ — sie flüsterte und deutete auf die Türe — „auch er, Herr Eisenhut, ist verliebt in sie, auch er!“

„Also deshalb!“ sagte Grau, und Susanna sah ihn fragend an.

„Susanna!“ sagte Mütterchen. „Wenn er es hört!“ Sie warf einen ängstlichen, argwöhnischen Blick auf Grau.