„Hier ist ein Herr, Susanna,“ sagte Mütterchen leise. „Herr —?“

„Grau!“ Grau lächelte. Er ging auf die Kranke zu und begrüßte sie. Sie legte ihre kleine gelbe Hand in die seinige, ohne auch nur eine Sekunde den Blick von ihm zu wenden. Sie machte auch einen Versuch aufzustehen, aber Grau erlaubte es nicht.

„Wie schön!“ sagte Susanna. „Seien Sie herzlich willkommen. Es ist so selten, daß uns jemand besucht, so daß es mir stets wie ein Traum erscheint. Ach, Mütterchen, gib dem Herrn einen Stuhl.“ Graus Herz begann zu pochen, als Susanna zu sprechen anfing.

Susanna sprach mit einer hohen dünnen Stimme und sehr leise. Wie Mütterchen so sang auch sie beim Sprechen ein wenig, aber ihre Stimme schien gleichsam durch eine Wand zu kommen. Ihre Augen aber glänzten wie schwarze Spiegel, während sie sprach, und sie sahen ihn unausgesetzt an. Die Lider schienen nicht zu zucken. Sie sah gealtert aus und doch sah man, daß sie jung und noch nicht zwanzig Jahre alt war. Sie hatte ein Gesicht wie ein seltsamer Vogel. Ihr Hals war dünn und gelb und zwei schmale Sehnen hielten den kleinen, abgemagerten, vorgebeugten Kopf. Die Augen lagen tief und füllten die ganzen Augenhöhlen aus. Die Haare waren schwarz und glatt über der niedrigen Stirne gescheitelt, zwei dünne, straffgeflochtene Zöpfchen hingen über die Ohren herab, in denen sie Ringe mit langen silbernen Quasten trug.

Grau bestellte die Grüße, die ihm die Mädchen aufgetragen hatten, und erzählte, welcher Zufall ihn hierher bringe.

„Die Schwestern werden Sie morgen besuchen,“ fügte er hinzu.

Susanna lächelte ein wenig. Es war ein kleines, glückliches Lächeln, das nur mühsam den langen Weg vom Herzen bis zu den Lippen zu finden schien. „Danke!“ sagte sie und blickte Grau an. „Ich habe auch schon von Ihnen gehört, Herr Grau,“ fügte sie hinzu, „und ich habe gewünscht Sie zu sehen — und nun sind Sie hier. — Wie eigentümlich ist doch das? Aber noch merkwürdiger ist es, daß ich mir gedacht habe, das muß Herr Grau sein, der mit Herrn Eisenhut über die Wiese kommt. Nicht wahr? Ich fühlte es. Ich weiß nicht warum.“ Sie sah Grau abermals aufmerksam an und drehte den Kopf etwas zur Seite, wie um besser seine Augen sehen zu können.

„Das ist eigentümlich!“ sagte Grau lächelnd. „Und doch hat jeder Mensch das so und so oft erlebt. Zum Beispiel als ich hier ankam, sah ich im Friedhof einen Herrn und als ich später von Herrn Eisenhut reden hörte, wußte ich, daß er jener Herr sein müsse, er und kein anderer.“

„Er war es auch?“

„Ja.“