Mütterchen stand ratlos, sie wußte nicht, was sie tun sollte. Sie zog den verblichenen türkischen Schal enger um die schmalen Schultern und blickte Grau hilflos an.
Aber Grau ging nicht.
Er sah Mütterchen an, die Türe, das Haus, er blickte auf die matten dunkeln Fenster, er wandte den Blick wiederum auf Mütterchen.
„Wie fatal, wie fatal!“ sagte er, und es hatte den Anschein als wolle er gehen. Aber er ging nicht. Er sann nach, errötete und begann plötzlich hastig zu sprechen. Ja, wie unangenehm es ihm doch wäre, den Herren nicht anzutreffen. Er habe sich so darauf gefreut mit ihm zu sprechen. Und vieles mehr.
„Könnte ich nicht auf ihn warten?“
„Warten?“
„Ja, warten, auf ihn warten!“ wiederholte Grau und sah aus, als horche er in sich hinein. Er blickte wiederum auf das Haus, die Fenster, und fügte hinzu: „Wäre es nicht möglich, daß er gerade jetzt käme? Aber natürlich, im Falle ich stören sollte? Gewiß erscheine ich Ihnen zudringlich, Frau Lenz.“
„Stören?“ Mütterchen lächelte und schüttelte den Kopf. „Der Herr stören keineswegs,“ flüsterte sie, „wenn der Herr mir die Ehre antun wollen?“ Sie trat zurück und forderte Grau mit einer linkischen, rührenden Verbeugung auf einzutreten.
„Die Ehrung ist auf meiner Seite!“ sagte Grau freudig und verbeugte sich ehrerbietig vor Mütterchen. „Wie liebenswürdig von Ihnen, Frau Lenz!“
Mütterchen öffnete eine Türe zur rechten Hand. Das erste, was Grau sah, als er in das von verbrauchter warmer Luft erfüllte Zimmer eintrat, war der am Boden hinhuschende Schein eines Feuers und zwei glänzende, große Augen in einem fahlen, mageren Gesicht. Ein krankes, zwerghaftes Mädchen saß in einem Lehnstuhle, eine Decke über den Knien. Sie heftete unausgesetzt die großen Augen mit einem forschenden, starren Blick auf ihn. Das also ist Susanna, dachte Grau, von der der Lehrer sprach. Unwillkürlich wurde er kleiner, er duckte sich und sah nun nicht mehr so heiter aus.