Grau schüttelte langsam den Kopf und Susanna sah ihn fragend an.
„Nun haben Sie sich verraten, Fräulein Lenz,“ sagte er, „Sie sind ja ganz außerordentlich für Musik begabt. Sie komponieren ja im Kopfe!“
Susanna lachte leise und errötete.
„Haben Sie auch schon als Kind solche Träume gehabt?“
Ja, da hatte Susanna gehört, daß die Glocken nicht einfach läuten, sondern ein Lied singen, auch das Wasser, das man in einen Krug laufen ließ, es sang.
„Da haben wir es!“ Grau lachte. „Sie müssen Musik von Grund auf studieren. Spielen Sie ein Instrument? Nein? Das schadet nichts; Sie müssen unbedingt ein Piano haben!“
Susanna hörte ihm erstaunt zu, sie sah froh aus und sie lächelte und sagte mit hoher Stimme: „Ich kann aber doch nicht spielen!“
„Das? Was das anbelangt — da seien Sie ganz außer Sorge. Sie werden es sehr schnell lernen. Ich habe Ihre Hände betrachtet, die Glieder der Finger sind so fein, so fein und voll nervöser Kraft, ja, schön sind Ihre Hände, Fräulein Lenz. Oh, vergeben Sie mir, wenn das zu kühn ist. Es fällt mir natürlich gar nicht ein, Ihnen Schmeicheleien zu sagen, weder Ihnen noch sonst jemandem, nein, aber wenn etwas schön ist, warum soll ich es nicht beim Namen nennen — nicht wahr? Ja, Sie haben Hände zum Klavierspielen, in einem Vierteljahr werden Sie schon ganz prächtig spielen — nach einem Jahr oder zwei Jahren aber ausgezeichnet. Ich erbiete mich, Ihnen Unterricht zu geben. Meine Kenntnisse sind gering, aber für den Anfang, da kann ich schon zu gebrauchen sein, später, da wird sich ja alles finden —“
Susanna hörte ihm zu und lächelte. Sie erwiderte nichts darauf, aber ihr Blick wurde plötzlich düster. Dieser Blick sagte: Ja, was spricht er denn von Jahren und Jahren, sieht er denn nicht, wie es um mich steht?
Dann sagte sie leise: „Sie sind gut, Herr Grau. Zuweilen da blicken Sie so streng, aber Ihre Augen sehen immer gütig aus. Ich habe gehört, wie tatkräftig Sie sich der alten unglücklichen Frau Sammet angenommen haben — ich —“