Mannigfacher Art waren die Träume Susannas. Am liebsten aber träumte sie Musik. Ja, wenn sie nicht müde war, da träumte sie von Menschen; wie sie sprechen und denken und handeln, wie wunderlich sie sind; aber wenn sie zu müde dazu war, so träumte sie Musik.

„Ich würde zu gern hören, in welcher Weise Sie das tun, Fräulein Lenz. Ich bin etwas neugierig, ich muß es gestehen. Aber ich werde mich gewiß revanchieren, ich verspreche es Ihnen. Ich habe sehr viel erlebt und gesehen und das alles werde ich Ihnen erzählen. Aber vorläufig ist die Reihe an Ihnen.“

Susanna zögerte eine Weile. Sie hatte gesprochen und gesprochen, wie es oft Menschen tun, die lange allein gewesen sind mit ihren Gedanken. Nun erinnerte sie sich plötzlich, daß Grau ein Fremder war. Sie lächelte, aber Grau verstand es, ihr zuzureden.

Susanna blickte lange zur Seite, dann fuhr sie fort: „Es kann eine Abendwolke sein, die über den Himmel zieht und singt. Oder es kann sein — aber Sie werden es besser verstehen: Zuerst, da ist es eine kleine Melodie, das kleine Lied eines kleinen Vogels im Walde. Das ist die Flöte! Und es ist ganz leise. Es ist der kleine Vogel, der singt, und sein Lied schmeichelt den Bäumen. Sie beginnen sich zu wiegen und nun saust die Melodie des kleinen Vogels im ganzen weiten Walde. Das sind die Violinen! Sie wiederholen, sie verändern die Melodie des kleinen Vogels, aber sie hören immer den kleinen Vogel singen. Plötzlich ist es wie ein Schreck, wie eine Warnung, das ist die Klarinette, die warnt, das ist die Trompete, die mit einem Stoß den Schreck hervorruft. Nun kommt der Sturm, die Pauken und die Baßgeigen, er jagt daher, der Wald braust und wiederholt klagend und furchtsam das Lied des kleinen Vogels. Der aber ist ganz still. Der Sturm greift den Wald an, um den Vogel zu vernichten, aber der Wald verteidigt ihn. Der Sturm und der Wald kämpfen miteinander. Sie hören nur den kleinen Vogel lachen, denn er fürchtet sich nicht, er verspottet den Sturm. Das macht den Sturm rasend, er wütet gegen den Wald, aber endlich macht er sich grollend davon und die Bäume wiegen sich und sie hören den kleinen Vogel wieder wie am Anfang. — So ähnlich ist es, wenn ich Musik träume. Haha, ich kann es ja nicht in Worten wiedergeben — aber so ähnlich ist es, Sie müssen es sich eben ausmalen.“

Grau zitterte. Ein eigentümliches Zittern machte seinen ganzen Körper erbeben.

„Sie frieren?“ sagte Susanna und richtete sich auf.

Grau gab sich Mühe gegen das Zittern anzukämpfen, aber es half nichts. „Nein,“ sagte er und lächelte, „ich friere nicht. Keineswegs. Ich hatte einmal Fieber, ich kam einem Fieberkranken zu nahe und daher rührt das Zittern. Seien Sie ganz unbesorgt und sprechen Sie ruhig weiter. Ich habe die Musik gehört, Fräulein Lenz, ich habe alle Instrumente gehört, so gut haben Sie das beschrieben! Welche Melodie aber hat der kleine Vogel gesungen? Ich habe mir eine fröhliche, ein wenig kecke Melodie gedacht.“

„Fröhlich und ein wenig keck, ja. Es war ja nur ein Beispiel, weil Sie es wissen wollten. Es kann auch sein, daß er traurig singt und es regnet, die Regentropfen singen dieselbe traurige Melodie, die Blätter, der Wind. Es muß auch nicht gerade ein Vogel sein, es kann ein junges Mädchen sein, das man in einen schönen Garten eingeschlossen hat und das in der Sonne geht und singt.“

„Warum muß das Mädchen gerade eingeschlossen sein?“

„Das weiß ich nicht. Aber ich fühle es so. Es kann auch das Meer sein, das singt, oder Grotten oder eine Linde, in deren Zweigen Tausende von Vögeln hüpfen.“