„So selten. Nur wenn es in meinem Kopfe leer wird, dann kann es geschehen, daß ich die Röschen der Tapete zähle, oder die Tassen im Glasschrank, oder ausrechne wieviele Fingerbreiten wohl von hier zur Türschwelle sein mögen.“
„Jeder Mensch hat solche Augenblicke!“
„Ja, das mag sein. Es ist selten. Zuweilen ist es mir erlaubt zu lesen. Die Sindings bringen mir Bücher und Adele, die alle Bücher hat, die es nur gibt. Da lese ich dann. Diese Ideen! Ich liebe die Ideen, müssen sie wissen, die neuen! Ja, wie ganz anders er doch die Welt betrachtet, denke ich. Ich liebe die Dichter! Siehst du denn alle Menschen, von denen er spricht, sage ich zu mir. Siehst du sie? Manchmal schüttle ich den Kopf: Nein, sage ich, das ist nicht wahr. Aber ich liebe die Dichter! Ich liebe die sanften, die zuweilen in den Büchern zu singen anfangen, so daß sie sagen: Ja, wie schön, wie schön ist das doch! Ich liebe die grausamen, die von wilden Herzen reden. Ich sitze und denke darüber nach, all das ist so fern, so fremd, aber ich denke, von jeder dieser Personen hast du ein kleines Etwas, von jeder, sie mögen schlecht oder gut sein.“
„Wie schön Sie das sagten!“ sagte Grau bewundernd und nickte.
Susanna fuhr fort: „Es ist schade, daß es mir verboten ist, viel zu lesen, denn sonst — ich würde ja Tag und Nacht lesen, ich tue alles leidenschaftlich, was ich tue. Aber dann kann ich ja dasitzen und zum Fenster hinaussehen. Mütterchen hat den Stuhl so gestellt, daß ich zur Brücke sehen kann. Es kann nichts in die Stadt gehen, es kann nichts aus der Stadt kommen, ohne daß ich es sehe. Ist das nicht herrlich! Es ist nun so schön und spannend, dazusitzen und zu warten bis etwas kommt. Lange Zeit kann verstreichen, aber plötzlich — sagen wir — taucht der nickende Kopf eines Pferdes auf. Ein Pferd! sage ich zu mir, und ich sehe das Pferd noch, wenn es schon weit fort ist. Aber dann kommt eine Bäuerin mit einem Korbe auf dem Rücken, oder es kommen Kinder. Ich denke, werden sie ins Wasser spucken oder nicht. Aber da haben Sie sie schon an der Brüstung — immer sehen Kinder interessante Dinge im Wasser — und sie müssen hinunterspucken. Auch ich mußte es tun — auch Sie?“
Susanna fuhr fort: „Dann kommt die gelbe Postkutsche. Sie kommt in der Frühe und kehrt spät am Nachmittage zurück. Ich freue mich, so oft ich sie sehe, denn sie kommt regelmäßig wie ein Freund. Es scheint auch, als sei ich persönlich mit ihr verknüpft, sie ist wie ein Mensch! Ich muß lachen, wenn ich sie sehe, und manchmal winke ich ihr auch. Abends kann ich sie jetzt nicht sehen im Winter, aber ich sehe, wie ein kleines Licht über die Brücke kriecht. Dann sehe ich den Schnee. Er schmiegt sich wie heute, er ist wie Sand, wenn es kalt ist — er glänzt, wenn es getaut hat und Frost darauf folgte. Er bewegt sich, wenn der Wind weht, und manchmal da sieht es aus als tolle ein närrischer weißer Pudel im Felde herum. Dann sehe ich die Wolken. Sie können mich froh und leicht machen, sie können machen, daß mein Blut schneller läuft, daß mein Herz stockt, und es gibt solche, vor denen ich mich leicht verneige, so drohend stehen sie da. Dann sehe ich die Pappeln an der Brücke. Sie sehen jetzt wie Besen aus, aber wenn es stürmt, so flattern sie wie Mähnen, und sie scheinen fürchterliche Angst zu haben. Fast immer sitzt eine Krähe dort oben auf der Spitze, sie sitzt und lugt aus und plötzlich fliegt sie fort. Aber sofort ist eine andere da, die ganz genau aussieht wie die erste, man könnte glauben, es sei immer die gleiche. Wenn es dunkel wird, warte ich auf den ersten Stern. Ich warte auf den Mond. Sie sehen, so vergeht die Zeit, selbst im Winter gibt es so vieles zu sehen. Aber dann werde ich oft müde und muß die Augen schließen, und wissen Sie, was dann geschieht?“
„Dann träumen Sie!“
„Ja, dann träume ich.“
„Was träumen Sie denn?“