„Ja. Er ist seit zwei Jahren an der Universität eingetragen, aber er war noch nie dort.“
„So, so. Er lebt also immer hier?“
„Ja, ja. Ich verstehe nicht —“
„Oh, bitte, es ist nur eine kleine Neugierde — aber sprechen Sie doch nun, bitte, Fräulein Lenz!“
Susanna lächelte, sah Grau an und fuhr fort: „Ja, ich freue mich, sprechen zu können. Ich führe zuweilen lange Gespräche mit mir selbst, ich spreche zu meiner Seele und meine Seele spricht zu mir. Und nun weiß ich ja nicht, wovon ich anfangen soll. Und denken Sie, wie ich mich gesehnt habe, einen fremden Menschen, einen neuen Menschen zu sehen!“
„Warum gerade das?“ Grau rückte den Stuhl näher heran.
Susanna kicherte. „Sie werden vielleicht lachen!“ sagte sie mit hoher Stimme. „Aber, nein, Sie werden es wohl verstehen. Ich liebe es, ein neues Gesicht zu sehen. Es ist mir fremd und gibt mir zu denken. Und ein neuer Mensch, hören Sie doch, was hat er alles gesehen und gehört! Die Menschen, die in unser Haus kommen, was haben denn die gesehen? Sie haben die Stadt gesehen, den Wald, die Dörfer ringsumher, alle Gesichter, die auch ich gesehen habe, alles, was sie gesehen haben, das kenne auch ich. Aber ein neuer, ein fremder Mensch! Er hat so viele Städte gesehen, ferne Städte mit wunderlichen Häusern und Türmen, und obwohl ich ja das nicht sehen kann, so ist es mir doch, als brächte er all das mit. Er hat fremde Menschen gesehen und mit ihnen gesprochen, all das scheine ich auch zu erleben, wenn er zu mir kommt. Er hat gesehen, wie sie kämpfen da draußen um all die neuen Ideen — all das fühle ich. Er hat Musik gehört, große Werke, große Künstler, das alles bringt er mit zu mir herein. Er ist ein Erlebnis, denn all die Zeitlang, die ich nun hier sitze oder liege — es ist ein Jahr und noch ein halbes dazu — habe ich nur sechs verschiedene Menschen hier bei mir gesehen — ja, sechs waren es.“
„Wie lange sind Sie denn schon leidend, Fräulein Lenz?“
„Es ist nun,“ sagte Susanna und blickte in die Weite, „es ist nun vier Jahre. Aber erst die letzten Jahre ist es so schlecht, daß ich nur im Sommer noch ein wenig im Freien gehen kann.“ Sie lächelte. „Trotzdem vergeht die Zeit sehr rasch für mich. Ja, mein Gott, wo kommen doch die Tage hin? Es ist so selten, daß ich mich langweile —“
„Wie gut das ist! Das ist gut!“ unterbrach sie Grau.