„Das kann ich wohl merken, Fräulein Susanna!“ sagte Grau. „Oh — verzeihen Sie mir die vertrauliche Anrede, sie kam ganz von selbst auf meine Lippen.“

Susanna verneigte sich in ihrem Sessel. „Das ehrt mich!“ sagte sie und sah Grau erfreut an. „Ja, ich liebe sie!“ fuhr sie fort und rang ein wenig die kleinen mageren Hände. „Sie sind wie Kinder. So schön sind sie, so still und geduldig. Sie blühen auf und sterben, und niemand hat sie gehört, daß sie sich beklagten. Es scheint mir, die Menschen könnten viel von ihnen lernen. Dann tun sie auch niemand etwas zu leide, sie leben ja von Erde, Tau und Luft. Sie freuen sich, wenn die Sonne scheint, und wenn es Abend wird, da schließen sie die Kelche und stehen schlafend da. Können Sie sich eine ganze Wiese oder einen Abhang vorstellen in der Nacht, alle Blumen haben die Kelche geschlossen und schlafen? Können Sie das? Ich kann es, denn ich beschäftige mich unausgesetzt mit solchen Dingen. Das alles habe ich von Mütterchen gelernt, nicht wahr, Mütterchen? Sie liebt die Blumen so sehr.“

Grau wandte Mütterchen den Blick zu, und sie sagte: „Früher, ja, früher da liebte ich sie.“

„Jetzt nicht mehr, aber —!“

Es gäbe so manches, sagte Mütterchen, nahm die Tasse und ging hinaus. Sie kam mit der gefüllten Tasse zurück und stellte sie neben Grau hin, ohne ein Wort zu sagen.

„Nein, aber ich protestiere!“ sagte Grau.

„Wenn der Herr mir die Ehre antun wollen —“

Susanna aber fuhr fort vom Frühling zu sprechen. Draußen schneite und wehte es, aber sie sah es nicht. Sie sah wie die Blumen im Gärtchen draußen wuchsen, all die Nelken, Tulpen, Rosen und dieser Flieder von einer ganz seltenen blaßblauen Farbe. Februar, März, sagte sie, und zählte die Wochen an den Fingern ab.

Plötzlich schwieg sie. Sie blickte in die Weite und versank in Gedanken. Ihre schweren Vogellider sanken halb über die schwarzen Augen, die Lippen öffneten sich. Sie sprach mit sich selbst.

„Ich muß das grüne Gras noch einmal sehen, ich muß!“ flüsterte sie. Sie dachte nicht, daß Grau es hören könnte.