Nein, dachte Grau, es klang nicht nur wie ein frohes Seufzen, nimmermehr wirst du das vergessen können, es klang wie eine Liebkosung, es klang wie ein Gebet. So eigentümlich sagte sie es, daß er einen Schmerz in der Brust empfand, einen leisen Stich. Er sprach nichts, er war still und blickte auf Susanna.

„Dann regnet es und Sie lachen!“ fuhr Susanna fort. „Es regnet und Sie lachen! Ja, regne nur, regne nur, denken Sie und lachen, denn jetzt kommt er. Sie schließen die Augen und schlafen und Sie träumen, wie es sich regt im Lande, die Wolken, die Erde, die Luft, alles ist in Bewegung. Die Luft ist süß wie Milch, das Wasser wie Wein, die Menschen sind freundlicher geworden. Im Walde da riecht es, der Schuh sinkt in den Boden, nasses, faulendes Laub. Dann kommt der erste Keim hervor, das erste Grün, die erste Blume. Kommen denn nicht die Tiere des Waldes zusammen, die Hasen und Rehe und Eichhörnchen, Igel und Füchse, die Raben und die Marder, diese erste Blume zu sehen? Wie aber sieht es unter den Hecken aus! — Ja, wie sieht es denn da aus?“ rief sie und lachte. „Aber das ist ja alles, wenn er nur im Anzuge ist —“

Plötzlich fiel etwas vor dem Fenster draußen herab, dann tanzte eine weiße Flaumfeder herab, zwei, drei kleine Federchen folgten, nun fielen einige Flocken zu gleicher Zeit und dann so viele, als ob man Hände voll Federchen in die Luft streue, die Luft war grau getüpfelt. Sie fielen immer dichter, sie wirbelten, tanzten, taumelten kreuz und quer, klebten an den Scheiben, und endlich schossen weiße und graue Streifen durch die Luft und verhüllten den Ausblick. Es schneite ordentlich. Sofort wurde es dunkel im Zimmer und Susannas Augen glänzten aus einem fahlen ledergelben Flecken.

Susanna aber sah es nicht, sie sprach vom Frühling, den Bächen, den Wiesen, den Wolken, vom Himmel, diesem blauen schimmernden Frühlingshimmel! Glanz und Herrlichkeit —

„Sie gehen in den Wald!“ sagte sie fiebrisch. „Sie gehen hinein wie in eine Kirche. Die Buchen stehen da, naß und fleckig, sie haben Knospen wie grüne Blüten überall, aber der Boden des Waldes ist von Anemonen gefärbt. Sie kommen an einen Hang, der ist ganz gelb: Das sind die Schlüsselblumen, sie kommen über die Wiese, da steht das Schaumkraut, so blau, so duftig. Sie kommen an einen Bach, der ist golden gesäumt, das sind die Dotterblumen, mit einem Griff können Sie einen ganzen Strauß pflücken, sie sind so saftig und innen glänzen sie wie Schmalz. Das Gras wächst und wächst und wächst, es wird immer länger, und wenn nun der Wind weht, so zittern die Gräser nicht mehr, sie schwingen sich, sie wiegen sich, ganze Wellen. Oft liege ich stundenlang hier und denke wie der Wind über die Wiese streicht und die Wiese gibt sanft nach. Wie schön wäre es, barfüßig im Grase zu gehen!“

Ihre Augen fieberten, ihre Wangen röteten sich. Sie lachte und hustete.

„Du sollst solche Gedanken gar nicht haben,“ sagte Mütterchen.

„Ich meine ja nur,“ sagte Susanna. „Lieben Sie die Margareten, Herr Grau?“

„Ja,“ sagte Grau. „Sie sehen so besonders reinlich aus.“

„Reinlich! Ja, ich sehe sie vor mir, alle, alle, alle Margareten sehe ich vor mir! Ich liebe die Blumen, sage ich Ihnen.“