Grau sah sie an. „Das ist nicht wahr!“ sagte er ernst und leise, denn etwas beschäftigte seine Gedanken.

Adele öffnete erstaunt die Lippen. „So?“ sagte sie gedehnt. „Ich habe mich gewundert darüber — er hat mir eine ganze Geschichte erzählt. Auch die Geschichte mit der Flasche ist also — nicht wahr?“ Sie errötete flüchtig, „Ich habe bisher meinem Bruder alles geglaubt,“ sagte sie mit einem Tone von Verwunderung und Betrübtsein in der Stimme. Sie schwieg lange Zeit und dachte nach, dann wandte sie sich wiederum an Grau, der ebenfalls in Nachdenken versunken war. „Lassen wir das!“ sagte sie, indem sie ihrer Stimme einen gleichmütigen Klang zu geben versuchte. „Man hat mir erzählt, daß Sie früher Gefängnisgeistlicher waren, Herr Grau? Das war wohl Ihre erste Anstellung?“

Aber Grau hörte nicht. Er hatte den Blick zu Boden gerichtet und seine Mienen drückten tiefes Nachdenken aus. Erst als Adele ihre Frage wiederholte, fuhr er verwirrt auf.

„Ich bitte um Verzeihung!“ sagte er verlegen. „Allein ich kann manchmal vollständig in Gedanken versinken. Nun hat mich eben eine Angelegenheit beschäftigt, die mich schon seit meiner Ankunft stark interessiert. Es gibt Dinge, die mich gar nichts angehen, aber meine Gedanken kaprizieren sich gerade darauf. Gefängnisgeistlicher, sagten Sie das? Ja, aber es war nicht meine erste Stelle. Zuvor war ich Lehrer an einem Blindeninstitut für Kinder.“

„Oh!“ Adele zog wie unter einem körperlichen Schmerze die feinen schwarzen Brauen hoch. Sie grüßte jemand auf der Straße, dann sagte sie: „Unter Blinden, wie furchtbar! Und noch dazu unter blinden Kindern! Wie schrecklich muß das sein!“

„Viel schrecklicher ist es noch blind zu sein,“ sagte Grau und blickte Adele an.

„Ja, entsetzlich!“ Adele richtete die hellen klaren Augen auf ihn.

„Stellen Sie sich vor, wie es ist blind zu sein, versuchen Sie es! Ja, ich habe es einmal versucht, ich kann Ihnen das ruhig erzählen, denn Sie denken vornehm, ich habe es einmal versucht und mich blind gemacht —“

„Was taten Sie?“ Adele sah Grau erschrocken an.

„Verstehen Sie es recht,“ fuhr Grau fort. „Ich habe mir eine Binde um die Augen gelegt — es war in jenem Institut — vier Tage lang — ich tat es aus Interesse — aus einer Art von Interesse, wenn Sie wollen, um meine blinden Lieblinge besser zu verstehen, vielleicht auch um ihnen gleich zu sein — kurzum, aber ich sage Ihnen gleich — doch es ist besser nicht davon zu sprechen. Entschuldigen Sie, Fräulein von Hennenbach.“ Er wurde plötzlich rot, dann fuhr er in anderem Tone fort: „Denken Sie daran, wie wir uns freuen, wenn nur ein bißchen Licht durch die Fensterladen sickert, wenn das Licht im Laube der Bäume spielt, wir Menschen leben ja vom Licht wie die Pflanzen, unsere Seele nährt sich davon. Jeder Sonnenaufgang, jedes Glitzern eines Sternes, es ist in uns, wir wären nicht die gleichen ohne diese Eindrücke und glauben Sie mir, Fräulein von Hennenbach, ein Mensch mit zehntausend Sonnentagen und zehntausend Sternennächten in seinem Leben ist ein ganz andrer als ein Mensch mit fünftausend nur.“