Grau blieb stehen. Er sah Adele an und sagte: „Natürlich! Das ist eins jener Dinge, die ich gar nicht verstehen kann. In hundert Jahren wird man diesen menschlichen Irrtum mit den gleichen Augen betrachten, mit denen man heute auf die mittelalterlichen Hexenprozesse blickt.“
„Aber —?“
Grau lächelte. „Die Gesellschaft!“ sagte er.
„Ich verstehe. Ich werde kein großes Geschrei machen, ich werde gar nicht von den Verbrechen sprechen, die die Gesellschaft in aller Ruhe begeht oder von den Verbrechen, die im Gesetz selbst enthalten sind. Die Gesellschaft will in Ruhe und Frieden die Arbeit der Kultur verrichten, nicht wahr? Störenfriede schafft sie aus dem Wege. Aber das ist nicht ganz richtig, der Gesellschaft ist es ja nur zum geringsten Teil um Kulturarbeit zu tun, zum allergeringsten Teil — denn die Gesellschaft ist ja eigentlich nichts anderes als ein Ring kleiner und großer Bankiers — es ist ihr vielleicht ein wenig um das Werk der Zivilisation zu tun, um den Export von Seifen und Gasmotoren und Kanonen — vielleicht nur um Bereicherung, aber auch das ist wohl nicht gerecht — sagen wir die Gesellschaft will leben, bequem und in Frieden. Deshalb also schafft sie sich Gesetze, nur weil sie bequem und in Gemütsruhe leben will — das Motiv steht nicht sehr hoch! Gut, sie kann also Störenfriede ausschließen — aber bestrafen, wieso? Vielleicht hat sie das Recht, Elemente, die ihre Gesetze nicht respektieren und sich dagegen verfehlten, zu erziehen — das aber ist alles!“
„Ja, aber ich verstehe nicht ganz?“ warf Adele ein.
Grau schüttelte den Kopf und lächelte. „Sie meinen, wenn jemand mir zum Beispiel hundert Mark stiehlt — ja, was habe ich dagegen? Werde ich ihn bestrafen? Nein, ich würde mich schämen, so großen Wert auf ein bißchen Besitz zu legen, ich würde es gar nicht vornehm finden — die Gesellschaft aber glaubt das Recht zu haben, einem Menschen, der einen alten Überzieher gestohlen hat, ein Stück seiner Seele zu stehlen. Ich begreife das nicht. Übrigens keine Einzelheiten. Müssen Sie nicht immer ein Auge schließen, wenn Sie auf die Gesellschaft blicken, oder beide Augen zuweilen, wie? Oder müssen Sie sich nicht schämen oder erwacht der Gedanke nicht in Ihnen, fortzugehen, weit fort, zu den Wilden auf eine Insel, wohin kein Schiff aus Europa kommt, wie? Europa, jenem Kontinente der bestechenden Theorien und der schmutzigen Praxis. Sie werden sagen, Ehre, Gut, Leben müssen beschützt werden. Gut — obgleich ich finde, daß unsere Zeit zu viel Wert darauf legt. Man wirft den Verbrecher in den Kerker, jahrelang — ohne zu bedenken, daß das grausamer ist als jedes Verbrechen. Der Verbrecher hat sich am Besitz, am Leben eines anderen vergriffen, aber nicht an der Seele, wohlgemerkt, das aber tut die Gesellschaft. Sie martert die Seelen, sie läßt sie vermodern und verfaulen. Dabei handelt die Gesellschaft mit klarer Überlegung — könnte man fast sagen — aber der Verbrecher —? Nun?“
„Nun werden Sie aber sagen: Wenn ein Mensch jedoch ein Teufel ist, nicht wahr? Ja, aber muß denn die Gesellschaft ebenfalls teuflisch sein? Was ist das anders als niedrige Rachsucht? Es mag ja Zeiten gegeben haben, wo all das am Platze war — aber heute? Das Leben wäre ja wohl nicht mehr so bequem und so ungefährlich, das mag sein. Aber wäre es nicht besser, wenn es ein wenig mehr gefährlich wäre und dafür gerechter? Übrigens haben schon viele Leute darüber nachgedacht und Reformen geschaffen, zum Beispiel in Amerika. Man kann nicht leugnen, daß es allmählich etwas lichter wird. Von der Todesstrafe will ich ja gar nicht sprechen.“
Adele dachte nach. Sie schüttelte den Kopf. „Wie soll man es aber anstellen?“ fragte sie. „Soll man die Verbrecher etwa alle auf eine Insel verschicken?“
„Nein, dann kämen ja auf dieser Insel alle Verbrecher und Kranken zusammen.“
Grau entwickelte ihr seine Gedanken. Arbeit und Schulen, Gelegenheit den Gefallenen gesund zu machen.