„Einmal da gingen Sie ganz in Gold,“ fuhr Grau fort, „es sah aus als ginge ein Sonnenstrahl im Park spazieren, möchte ich beinahe sagen.“ Er sah Adele lange an und dann nickte er. „Ich denke zuweilen an Sie,“ sagte er aufrichtig mit einem Lächeln auf den knabenhaften Lippen, „ich wünsche, daß Ihr Leben reich und herrlich sein möge, denn Sie sind sehr schön! Ich habe stets ein eigentümliches Gefühl, wenn ich Sie sehe, Fräulein von Hennenbach, denn ich hatte einst einen sonderbaren Traum von einer Frau, der Sie sehr ähnlich sind —“

Adele errötete etwas und lächelte, um ihre Verlegenheit und Verwunderung zu verbergen. „Wollen Sie mir diesen Traum nicht erzählen?“

Nein, nein, das sei eine Geschichte für sich. „Leben Sie recht wohl.“ Er lächelte und verbeugte sich, dann nahm er den Blumentopf mit der kleinen roten Tulpe auf den andern Arm und stieg zu Susannas Häuschen hinab. Er hatte Mühe, gegen den Wind anzukämpfen, der heftig über die Felder blies.

Susanna hatte sich geschmückt.

Sechzehntes Kapitel

Ein Sonnenstrahl leuchtete in Susannas Stube umher, als Grau eintrat. In Mütterchens Glasschrank, dessen Scheiben halb blind waren, wurde es auf eine Weile tageshell und man sah all die Teller und Tassen, die da standen. Auf dem Fensterbrett, dem Tisch und der Kommode standen Blumen, Tulpen, Hyazinthen und ein kleiner blühender Baum, der genau wie ein blühender Kirschbaum in kleinem Format aussah, die Blumen glänzten und lächelten als der Sonnenstrahl sie berührte und die roten Tulpen glühten als hauche man auf rote Glut.

In der Mitte ihres Gartens saß Susanna und lächelte. Der Sonnenstrahl beleuchtete ihr Gesicht und ihre Augen glänzten wie dunkles Kupfer. Sie hatte sich geschmückt.

Um die Ärmel ihres schwarzen Kleides hatte sie Spitzen genäht, um die Schultern hatte sie ein goldgelbes Seidentuch gelegt, es warf einen warmen Widerschein auf ihr schmales Gesicht. Hinter dem Kopfe lag ein weißes Kissen. Es mochte sein, daß sie sich schlechter fühlte, aber man konnte auch glauben, daß das weiße Kissen den Zweck habe, die schwarzen Haare mehr zur Geltung zu bringen. Diese Haare waren mit größter Sorgfalt frisiert, sie glänzten von irgend einer Salbe, die Zöpfchen, die über die Ohren herabhingen, waren zu Bändern geflochten, und man konnte sich recht gut vorstellen, wie lange solche kleinen müden Hände wohl dazu brauchten.

Sie lächelte als Grau eintrat und ihre Augen glänzten ihm entgegen. „Willkommen, mein Freund! Aber da haben Sie sich ja trotz meines Verbotes wiederum Ausgaben gemacht!“ Sie drohte ihm mit den Finger.

„Entschuldigen Sie nur, Fräulein Susanna!“ sagte Grau und lachte, indem er die kleine Tulpe auf den Tisch stellte. Er legte den Mantel ab, hauchte auf die Fingerspitzen, er stampfte auch mit den Füßen, ganz als ob er zu Hause wäre. „Welche Kälte, dieser Winter scheint kein Ende zu nehmen. Nun, wie geht es?“ Er gab ihr die Hand.