„Ja, sie war hier. Sie hat viel von Ihnen gesprochen.“
„Wie freundlich von ihr.“
„Adele hat mir das seidene Tuch hier geschenkt, auf eine kleine Äußerung hin, auch die Spitzen hier. Ich habe nur gesagt, die Ärmel des Kleides sehen so kurz aus. Von ihr habe ich eine ganze Menge Neuigkeiten!“ Susanna lächelte schelmisch und wichtigtuend. In ihren pechschwarzen Augen glänzten goldene Funken, Reflexe des Seidentuches. „Sie haben die alte Frau Sammet auch aufgefordert im Pfarrhaus zu wohnen, ist es nicht so?“
Grau sah erstaunt auf. „Grundgütiger Himmel, welch eine Stadt ist das doch!“ sagte er. „Jeder Pflasterstein scheint ein Ohr zu haben. Ja, ich habe der alten Sammet dieses Anerbieten gemacht, weil ich vier Zimmer habe und weil ich dachte, sie könnte mir vielleicht ein wenig in der Wirtschaft helfen —“
„Aber Sie tun ja alles allein, nicht einmal die Stiefel lassen Sie sich von der Küstersfrau putzen.“ Susanna lachte.
Susanna lächelte. „Wenn Sie wüßten, was ich alles erfahren habe! Ja, bei Gott, das ist eine Stadt, jeder Pflasterstein scheint ein Dutzend Ohren zu haben, da haben Sie recht!“ Sie lachte und klatschte ein wenig in die Hände. Dabei verrückte sich das Kissen hinter ihrem Rücken und Grau eilte, ihr behilflich zu sein. Aber Susanna wurde dunkelrot und wehrte ab. Sie wollte nicht, daß er sehe, daß sie ausgewachsen war. „Es betrifft ihn, Herrn Eisenhut,“ fuhr sie leise fort, „er ist hier und Mütterchen spricht mit ihm — wegen einer Rechnung von zwölf Mark ist ein langwieriger Krieg zwischen den beiden ausgebrochen — es betrifft ihn. Sie wissen nicht, was ich meine? Nein? Wie klug Sie es auch angestellt haben, es ist doch bekannt geworden. Ja, zuerst haben Sie einen Schulknaben herausgefischt und ihm das Versprechen abgenommen, nicht mehr hinter Herrn Eisenhut herzulaufen und Spottlieder zu singen, auch das Versprechen, daß er niemandem etwas sagen sollte, daß Sie mit ihm sprachen — dann einen zweiten und dritten und auf diese Weise alle zusammen, aber es ist doch bekannt geworden.“
Grau zog die Brauen zusammen, seine Augen wurden groß, er sah niedergeschlagen und unglücklich aus. „Es ist also glücklich herausgekommen, wie?“ sagte er leise. „Ich hätte es mir denken können, wenn ich ein klein wenig mehr gedacht hätte, so hätte ich es mir — ja, es war ein schlechter Einfall. Auf diese Rangen ist kein Verlaß! Ich habe gedacht, sehen Sie, es war so, ich habe es gesehen, wie sie hinter Eisenhut herliefen und sangen. Er war ein wenig angetrunken. Sie sangen und schrieen und tanzten, grausam, wie Kinder sein können, die Polizei wollte sie verjagen, aber das gelang natürlich nicht, und nun sah ich, daß Eisenhut sich gegen alle umwandte und eine hilflose Gebärde machte. Diese Gebärde aber und vor allem sein Blick — nein, wie dumm ich es aber angestellt habe —“ Er schüttelte den Kopf und sah auf den Boden.
Susanna aber lächelte und begann von neuem: „Sodann sagen die Leute, Sie seien eine Art Freidenker und gar kein Geistlicher, wie er sein soll. Auch sagt man, Sie lebten in Feindschaft mit dem Dekan in Weinberg.“
Grau schien gar nicht zuzuhören. Er blickte zum Fenster hinaus. Der Schnee sah eigentümlich rot aus und die Wolken waren kupferrot und drohend. Aber rasch erblaßten die Farben und ein schweres düsteres Grau schlug über die Erde zusammen. Nun wurde das Feuer im Ofen lebendig und tauchte Susannas Gesicht in zarte huschende Glut.
Grau sah Susanna an und lächelte. „Wie schön das Feuer doch Ihr Gesicht macht,“ sagte er leise, gleichsam als spräche er für sich selbst. Dann sagte er: „Was ist doch mit der Bank, von der Sie in Ihrem Briefe schrieben? Sie nannten sie ‚meine‘ Bank, es muß also eine ganz besondere Bewandtnis mit der Bank haben? Wollen Sie mir nicht davon erzählen?“