Susanna zögerte. Aber dann feuchtete sie die Lippen mit der kleinen Spitze ihrer Zunge an und begann: „Wenn man um das Haus herum geht, über den Bach hinüber und dann die Höhe hinaufsteigt, so kommt man an diese Bank. Hier saß ich schon mit zwölf Jahren. Aber nur dann und wann. Später öfter und endlich saß ich jeden Abend dort, wenn die Sonne sank. Die Bank liegt so hoch! Von ihr aus sieht man ein Stückchen von der Stadt und das sieht so friedlich aus, jenes Stückchen, mit den alten Häusern und den vielen rauchenden Kaminen. Dann sieht man die breite Landstraße weit hinab ins Tal ziehen und man sieht auch das Bahngeleise. So hoch liegt die Bank, daß man über das Bahnhofgebäude hinweg noch die Waggons auf den Rangiergeleisen stehen sieht. Noch etwas gutes hat die Bank, sie liegt so versteckt, müssen Sie wissen, daß jemand nahe an ihr vorbei gehen kann, ohne einen zu sehen. Dann hat sie auch im Sommer ein ordentliches Dach aus grünen Blättern, so daß es nicht durchregnen kann. Das ist gut. Hier saß ich und blickte über das Land hinaus und träumte. Ich träumte — ja, mein Gott, ich träumte alle möglichen Dinge hier oben. Ich war jung, ich war fröhlich! Ich träumte und träumte, aber da wurde es ganz eigen mit meinen Träumen. Was war es doch, ja, was sollte es sein? Was wollte ich hier und was nagte an meinem Herzen? — Ich wartete! Ich wartete! Das war es, ich wartete und wußte nicht, worauf ich wartete. Ich wußte es lange nicht, hören Sie, so lange, vielleicht zwei Jahre lang nicht. Aber ich wartete und ich dachte: Ja, worauf wartest du denn eigentlich? Ich wußte nur, daß ich wartete. Was sollte denn kommen, wie und wann denn eigentlich? Nicht wahr? Aber ich saß da und wartete, wartete und die Sonne ging unterdessen unter. Ich glaube, es gibt keinen Menschen auf der Welt, der so oft in die untergehende Sonne blickte wie ich! Auf der Landstraße kam ein Wagen daher, ein Fußgänger, ein Trüpplein Kinder. Sonst nichts. Heute? Ist es das? Ich blickte hin und her, weit hinein ins Land, weit hinab die Straße. Nun war die Sonne gesunken, ich ging nach Hause. Aber etwas in mir wartete unausgesetzt, auch auf dem Weg nach Hause, auch zu Hause, aber richtig und bestimmt wartete ich eigentlich nur oben auf der Bank.“ Sie schwieg.
„Weiter?“ sagte Grau leise. Er saß und sah sie an.
Susanna feuchtete wieder die Lippen mit der Zungenspitze und fuhr fort: „Da saß ich Tag für Tag, da droben auf der Bank, sah die Sonne sinken, und wartete und wußte nicht, worauf ich wartete. So ging der Frühling und der Sommer und der Herbst und so ging der Winter. Ich wartete. Die Tage wurden lang, die Tage wurden kurz. Das konnte man so gut beobachten, am Expreßzug nämlich. Ich höre ihn auch jetzt noch jeden Nachmittag rauschen, aber ich kann ihn nicht mehr sehen, nur die kleine Postkutsche, die gelbe, die sehe ich jetzt. Im Sommer da war es lichter Tag, wenn er kam, er tauchte auf als kleiner Punkt zwischen den Feldern und roten Dächern der fernen Dörfer, flog heran und flog in die Ferne und ließ nichts zurück als einen kleinen Schreck und ein feines Klingen in der Luft. Im Frühling und Herbst da kam er in der Dämmerung, und im Winter da kann man ihn gar nicht sehen, nur ein feuriger Streifen fliegt vorüber und man hört ihn donnern, viel lauter als im Sommer. Da fing es immer mit den Träumen an, wenn ich ihn sah, und ich hatte Sehnsucht mit ihm zu fahren. Ich reise leidenschaftlich gern, aber ich bin nie weit gekommen und nur zweimal kam ich fort. Ich und Mütterchen zusammen, wir sollten einsteigen, wir zwei, unsere Billete in der Hand — er sollte ja extra für uns beide halten! Ja, großer Himmel, wie oft habe ich das gedacht! Wie viele Reisen haben Mütterchen und ich zusammen gemacht! Und denken Sie sich, daß der Zug extra für uns zwei anhalten sollte, alles würde erstaunt sein, die Beamten, die Leute, auch die Reisenden, daß er hält in dieser kleinen Stadt, nicht wahr, ausnahmsweise sollte er anhalten. Vielleicht würde nun kein Platz sein und ein freundlicher alter Herr würde sein Reisegepäck ins Netz legen und zu Mütterchen sagen: Wollen Madame nicht Platz nehmen? Vielleicht wäre es ein Franzose und er würde uns französisch ansprechen. Vielleicht aber würde nun noch nicht Platz für mich sein und der freundliche alte Herr würde die Zeitung zusammenlegen und sagen: Wollen Sie nicht meinen Platz nehmen? Mille merci, monsieur, würde ich sagen, ich stehe sehr gern und sehe zum Fenster hinaus. Der Zug kommt von Paris und geht nach Wien, und von Wien geht er weiter — immer weiter, bis Konstantinopel. Ja, bei Gott, wie viele Nächte schläft man wohl, bis er endlich, endlich hält? Nun, was gibt es da nicht zu träumen? Man konnte einmal nach Paris fahren, einmal aber nach Konstantinopel, wie man wollte. Paris, Paris, dachte ich, so weit ist es, so fern, es lockt, schon der Name, nicht wahr? Und ich dachte an Paris und ich stellte es mir vor wie eine Stadt, in der immer ein Feuerwerk ist und die Leute Feste feiern und in den Straßen ziehen, als ob jeden Tag ein König zu empfangen wäre. Welche Hüte sie dort tragen, welche Kleider, wie sie sich verbeugen, verneigen und alle fein und graziös sprechen und so schnell, daß niemand sie verstehen kann. Dann müßte es auch hohe spitze Türme haben, die in der Sonne funkelten, denn die Dächer der spitzen Türme waren vergoldet. Und die Museen so still, so kühl, grüne Grotten, und da müßten die Statuen aus Marmor stehen, so schön und so alt, und die sie meißelten sind lange tot. Von daher kommt der Zug, und er saust und saust und zuweilen heult er in großen Bahnhöfen und wenn Sie hinausblicken, so blenden Sie all die vielen Bogenlampen, die da hängen. Aber je weiter er nach dem Osten fährt, desto niedriger werden die Häuser und ich stellte mir die fremden Städte vor, viele, viele fremde Städte mit dicken, runden Türmen und roten und gelben Dächern. Sogar die Menschen stellte ich mir kleiner vor, dick mit runden Backen, in gelben und roten Kleidern. Wenn Sie nun hinhorchen, was sie sprechen, so verstehen Sie keine Silbe mehr, denn sie sprechen alle eine fremde Sprache. Plötzlich aber hielt der Zug und da sind wir nun. Da ist die Sonne, so viele, viele Sonne und — Palmen! Die Sonne ist wie ein heißer Nebel und wenn Sie gehen, so durchdringt Sie die Sonne und Sie fühlen, wie Sie warm werden und glühen durch und durch und plötzlich kommt ein neuer Geist über Sie. Können Sie sich diese Sonne vorstellen, die ich meine?“
Sie blickte Grau an und wartete. Über ihr Gesicht huschte der Schein des Feuers. Sie zog das Tuch um die Schultern, als ob sie friere, und wandte die großen Augen dem Feuer zu. Sie lächelte.
„Können Sie sich diese Sonne vorstellen, die ich meine, gerade diese Sonne?“ fragte sie, da Grau nicht antwortete.
„Ja,“ sagte Grau mit auffallend tiefer Stimme. Das aber war wahr, denn er sah diese Sonne vor sich, gerade diese Sonne — er, der so viel von Licht und Sonne träumte — er sah diese Palmen, in einem Nebel von Sonne zittern, genau wie Susanna es beschrieb.
Susanna lächelte und fuhr mit hoher, dünner Stimme fort: „Die Leute aber haben einen Turban auf, rot oder grün oder gelb, mit Edelsteinen übersät, und sie rauchen aus langen Pfeifen. Sie sehen aber so aus als ob sie in Teppiche gehüllt wären, und nun können Sie sich wohl vorstellen, wie das blitzt und funkelt, zumal wenn die Pfeifen aus Gold und Silber und mit Edelsteinen besetzt sind — und wie hübsch sich der Rauch aus dieser Unmenge von Pfeifen in der Sonne ausnimmt. Die Türme sind spitz wie Nadeln und funkeln ebenfalls, es gibt viele, viele Kuppeln aus farbigem Glas, die Sonne leuchtet und leuchtet durch alles hindurch, so daß alles durchsichtig aussieht, die Türme, die Kuppeln, die Leute, die Gesichter, die Palmen, die Kamele und Elefanten — denn da gibt es unzählige! — die Pfeifen — können Sie sich das vorstellen?“
Je mehr Susanna sprach, desto glänzender und größer wurden ihre schwarzen Augen, und je mehr sie von der Sonne sprach, desto mehr fröstelte sie. Zuweilen sprach sie ganz langsam und ihre kleinen abgezehrten Hände beschrieben alles mit, was sie erzählte. Wenn sie Turban sagte, so tat sie, als schlinge sie sich ein Tuch um die Stirne, sprach sie von den Pfeifen, so fuhr sie wagrecht von den Lippen aus mit den Fingerspitzen in die Luft, dann formte sie den Pfeifenkopf und darauf ließ sie die Finger emporwirbeln, daß man den Rauch ordentlich emporsteigen sah. Sprach sie von den Elefanten, so machte sie die Augen klein und listig und zeichnete sich einen langen Rüssel an die Nase. Meistens aber sprach sie hastig, wie im Fieber, und ihre eingesunkene schmale Brust arbeitete krampfhaft. Auf ihren Wangen erblühten giftige Rosen.
Sie fror. Sie legte die Fingerspitzen an die Wangen, ihre Augen fieberten, ihr Mund lächelte.
„Nun rennt einer auf uns zu und schreit und brüllt. Mütterchen bekommt Angst. Was will er nur? fragt sie, dieser Türke. Vielleicht will er deine Tasche tragen, Mütterchen. Ich fühle mich gar nicht wohl bei diesen Ungläubigen. Sage ich: Sie glauben an Gott wie wir, Mütterchen, und plötzlich spreche ich türkisch! Hören Sie, ich spreche türkisch! Ich öffne den Mund und es geht, ich verstehe, ich spreche. Haha — Mütterchen steht da und staunt, und die Türken paffen aus ihren Pfeifen und lachen über sie. Ich aber erkläre ihnen, daß das meine Mutter ist. Da nehmen sie alle die Pfeifen aus dem Munde, alle, alle, und verneigen sich bis zur — bis zur Erde —“