Er beugte sich vor, plusterte mit den Lippen und nickte, wie ein Mensch, der einen Tadel entgegennimmt und seine Blamage zugibt. Dann holte er einen tiefen Atemzug aus der Brust hervor und sagte mit einem ernsten, glühenden Blick: „Ich habe Ihnen schon telegraphiert, Herr Allan, daß ich diesmal keine glückliche Hand hatte. Die Baumwolle verkaufte ich eine Woche zu früh, weil ich mich von meinem Liverpooler Agenten, diesem Idioten, ins Bockshorn jagen ließ. Das Zinn zu spät. Ich bedaure die Verluste, aber sie lassen sich wieder gutmachen. Es ist kein Vergnügen, zugeben zu müssen, daß man Dreck im Kopfe hatte, glauben Sie mir das!“ schloß er und richtete sich ächzend im Sessel auf und lachte leise. Aber das Lachen, das selbstanklagend und nachsichtheischend klingen sollte, gelang ihm nicht recht.
Allan machte eine ungeduldige Bewegung mit dem Kopfe. Er kochte innerlich vor Wut und Empörung. Vielleicht hatte er nie einen Menschen mehr gehaßt als diesen haarigen, fremdrassigen Asthmatiker in diesem Augenblick. Nun, nach einem Jahre — einem elendiglich verlorenen Jahre — da er mit äußerster Anstrengung alles wieder auf solide Geleise gesetzt hatte, mußte dieser verbrecherische Börsenjobber ihm von neuem alles über den Haufen werfen! Er hatte keinen Grund, ihn sanft anzupacken, und so machte er seinen Mann schonungslos und rasch nieder. „Darum handelt es sich nicht,“ entgegnete er ruhig wie vorhin und nur seine Nasenflügel blähten sich auf. „Das Syndikat wird keine Minute zögern, Sie zu decken, wenn Sie im Dienste der Gesellschaft Verluste erleiden. Aber —“ und Allan ließ den Arbeitstisch los, an dem er lehnte und stand aufrecht und sah Woolf mit Augen an, die nichts waren als Pupille und beherrschte Mordgier — „Ihre vorjährige Bilanz war Humbug, mein Herr! Humbug! Sie haben auf eigene Rechnung spekuliert und sieben Millionen Dollar unterschlagen!“
S. Woolf sank wie ein Baum. Er wurde grau wie Erde. Seine Züge vermoderten. Er griff mit der fleischigen Hand an sein Herz und fiel, nach Luft schnappend, zurück. Sein Mund stand fassungslos und läppisch offen und seine blutunterlaufenen Augen quollen aus dem Kopf.
Allan wechselte die Farbe; er wurde blaß und rot vor Anstrengung, sich zu beherrschen. Dann fügte er mit der gleichen Ruhe und Kälte hinzu: „Sie können ja selbst nachsehen!“ Und er warf den Stoß von Telegrammen nachlässig vor Woolfs Füße, daß sie über den Boden flatterten.
S. Woolf lag noch immer nach Luft ringend im Sessel. Der Boden sank unter ihm, seine Füße wurden zu Wolken, sein rasselnder Atem klang ihm in den eigenen Ohren wie das Brausen eines Wasserfalls. Er war so überrumpelt, so betäubt von diesem turmhohen Sturze, daß er für die Beleidigung, die in dem nachlässigen Hinwerfen der Telegramme lag, gar keine Empfindung hatte. Die grauen Lider senkten sich wie Deckel über seine Augen. Er sah nichts. Er sah Nacht, kreisende Nacht, dachte, er würde sterben, flehte den Tod herbei ... und dann erwachte er wieder und fing an zu begreifen, daß es keine Lüge mehr gab, die ihn aufs Trockene trug.
„Allan —?“ stammelte er.
Allan schwieg.
S. Woolf tauchte wieder in den Strudel hinab, keuchte wieder empor und schlug endlich die Augen auf, eingesunkene Augen, verfault wie bei Fischen, die lange liegen. Dann setzte er sich keuchend aufrecht. „Unsere Lage war verzweifelt, Allan,“ stammelte er und seine Brust warf sich stoßweise vor Luftmangel, „ich wollte Geld schaffen — Geld um jeden Preis —!“
Allan fuhr empört auf. Das Recht der Lüge hat jeder Verzweifelnde. Aber er hatte kein Mitleid mit diesem Mann, er empfand nichts für ihn, nichts, nichts als Haß und Wut. Er wollte kurzen Prozeß mit ihm machen und dann fort mit ihm! Seine Lippen waren schneeweiß vor Erregung, als er entgegnete: „Sie hatten bei der Budapester Bank eineinhalb Millionen auf den Namen Wolfsohn deponiert, in Petersburg eine Million und vorübergehend in London und an belgischen Banken zwei bis drei Millionen. Sie haben Geschäfte auf eigene Rechnung gemacht und sich zuletzt das Genick gebrochen. Ich gebe Ihnen Zeit bis morgen abend um sechs Uhr. Keine Minute früher und keine Minute später lasse ich Sie verhaften.“