Woolf erhob sich taumelnd, leichengelb, um in einem instinktiven Verteidigungsdrang auf Allan einzuschlagen. Aber er konnte keine Hand heben. Er war am ganzen Körper lahm und zitterte schrecklich. Plötzlich kehrte ihm für Sekunden ganz klar das Bewußtsein zurück. Er stand schwer atmend, das fahle Gesicht mit Schweißtropfen punktiert, und starrte zu Boden. Sein Auge nahm mechanisch die Namen einer Anzahl europäischer Banken auf, die auf den Depeschen da unten standen. Sollte er Allan sagen, weshalb er sich auf diese Spekulationen einließ? Sollte er ihm seine Motive auseinandersetzen? Daß es ihm keineswegs um Geld zu tun gewesen war? Aber Allan war zu einfältig, zu simpel, um zu begreifen, wieso ein Mensch nach Macht verlangen konnte — er, der die Macht besaß, ohne je nach ihr gestrebt zu haben, ohne es zu wissen, ohne es zu wollen, der sie ganz einfach hatte! Dieser Maschinenkonstrukteur hatte nur drei Gedanken im Kopf und nie über die Welt nachgedacht und verstand nichts. Ja, und selbst wenn er ihn verstand, selbst wenn, so würde er gegen eine Granitmauer rennen, gegen die Mauer des bürgerlichen, hanebüchenen Ehrlichkeitsbegriffes, der im kleinen berechtigt ist, aber im großen Dummheit, gegen diesen Begriff würde er rennen und nicht durchkommen. Allan würde ihn nicht weniger verachten und verdammen. Allan! Ja, wirklich derselbe Allan, der fünftausend Menschen auf dem Gewissen hatte, Allan, der dem Volk Milliarden aus der Tasche nahm, ohne sicher zu sein, ob er je seine Versprechungen einlösen konnte. Auch Allans Stunde würde noch kommen, er prophezeite sie ihm! Dieser Mann aber richtete ihn heute und glaubte ein Recht dazu zu haben! S. Woolfs Kopf arbeitete verzweifelt. Einen Ausweg! Rettung! Eine Möglichkeit! Er erinnerte sich an Allans bekannte Gutmütigkeit. Warum packte er ihn mit Haifischzähnen an? Gutmütigkeit und Barmherzigkeit waren verschiedene Dinge.
So tief dachte dieser verzweifelte Mensch, daß er sekundenlang alles ringsum vergaß. Er hörte nicht, daß Allan seinen Diener rief und ihm befahl, ein Glas Wasser zu bringen, da Herr Woolf sich nicht wohl fühle. Und je länger er dachte, desto leichenfarbener und fahler wurde er.
Er erwachte erst, als ihn jemand am Arm zupfte und eine Stimme sagte: „Sir?“ Da sah er, daß Allans Diener, Lion, ihm ein Glas Wasser reichte.
Er trank das ganze Glas aus, dann schöpfte er Atem und sah Allan an. Es schien ihm plötzlich alles weniger schlimm zu sein. Wenn es ihm gelänge, Allans Herz zu packen? Und er sagte, ganz gefaßt und beherrscht, mit tiefer Stimme: „Hören Sie, Allan, das kann nicht Ihr Ernst sein. Wir arbeiten nun seit sieben, acht Jahren zusammen, ich habe dem Syndikat Millionen verdient ...“
„Das war Ihre Arbeit.“
„Gewiß! Hören Sie, Allan, ich gebe zu, es war eine Entgleisung. Es war mir nicht um Geld zu tun. Ich will es Ihnen erklären. Sie sollen meine Motive erfahren ... Aber es kann doch nicht Ihr Ernst sein, Allan! Die Sache läßt sich ordnen! Und ich bin der einzige Mensch, der sie ordnen kann ... Wenn Sie mich fallen lassen, so fällt das Syndikat ...“
Allan wußte, daß S. Woolf die Wahrheit sprach. Die sieben Millionen konnte seinetwegen der Teufel holen, der Skandal aber war eine Katastrophe. Trotzdem blieb er unerbittlich.
„Das ist meine Sache!“ entgegnete er.
Woolf schüttelte den zottigen Büffelkopf. Er konnte es nicht begreifen, daß Allan ihn tatsächlich aufgeben, stürzen wollte. Es war unmöglich. Und er wagte es nochmals, sich in Allans Augen zu erkundigen. Aber diese Augen schrien ihm in ihrer stillen Sprache entgegen, daß von diesem Manne keine Nachsicht und Gnade zu erwarten war. Nichts! Gar nichts! Plötzlich erkannte er, daß Allan ein Amerikaner war, ein geborener und er nur ein gewordener, und Allan war stärker.