Nach einer Stunde, um ein Uhr, erschien auf der Projektionsfläche ein Telegramm: „Allan in den Tunnel eingefahren. Ungeheure Begeisterung der Menge! Viele Menschen im Gedränge verletzt!“
Der Film ging weiter. Nur von halber zu halber Stunde wurde er durch Telegramme unterbrochen: Allan passiert den hundertsten Kilometer — — den zweihundertsten — Allan stoppt eine Minute. Ungeheure Wetten wurden abgeschlossen. Niemand sah mehr auf den Film. Alles rechnete, wettete, schrie! Würde Allan pünktlich in Bermuda eintreffen? Allans erste Fahrt war zu einem Rennen geworden, zu einem Rennen eines elektrischen Zuges und zu nichts anderem. Der Rekordteufel wütete! In der ersten Stunde hatte Allan den Rekord für elektrische Züge gedrückt, den bis dahin die Züge Berlin-Hamburg behaupteten. In der zweiten war er den Weltrekorden der Flugmaschinen auf den Leib gerückt, in der dritten hatte er sie geschlagen.
Um fünf Uhr erreichte die Spannung einen zweiten Höhepunkt.
Auf der Projektionsfläche erschien telekinematographisch übermittelt die von greller Sonne durchflutete Bahnhofhalle der Bermudastation: wimmelnd von Menschen und alle sehen gespannt in die gleiche Richtung. Fünf Uhr zwölf taucht der graue Tunnelzug auf und fliegt herein. Allan steigt aus, plaudert mit Strom, und Strom und Allan steigen wieder ein. Fünf Minuten und der Zug fährt weiter. Ein Telegramm: „Allan erreicht Bermuda mit zwei Minuten Verspätung.“
Ein Teil der Banketteilnehmer ging nun nach Hause, die meisten aber blieben. Sie blieben über vierundzwanzig Stunden wach, um Allans Fahrt zu verfolgen. Viele hatten auch Zimmer in den Hotels gemietet und legten sich auf ein paar Stunden schlafen, mit dem Befehl, sie augenblicklich zu wecken, „im Falle etwas passierte“. Über die Straßen regneten schon die Extrablätter nieder. —
Allan war unterwegs.
Der Zug flog durch die Stollen, daß sie meilenweit vor und hinter ihm dröhnten. Der Zug legte sich in den Kurven zur Seite wie eine meisterhaft konstruierte Segeljacht: der Zug segelte. Der Zug stieg, wenn es in die Höhe ging, gleichmäßig und ruhig wie eine Flugmaschine: der Zug flog. Die Lichter im dunkeln Tunnel waren Risse in der Dunkelheit, die Signallampen buntglitzernde Sterne, die sich in die runden Bugfenster des sausenden Torpedoboots stürzten, die Lichter der Stationen vorbeischwirrende Meteorschwärme. Die Tunnelmänner (verschanzt hinter den eisernen Rolltüren der Stationen), feste Burschen, die die große Oktoberkatastrophe trockenen Auges mitgemacht hatten, weinten vor Freude, als sie „old Mac“ vorüberfliegen sahen.
Lloyd ließ sich um acht Uhr wecken. Er nahm sein Bad, frühstückte und rauchte eine Zigarre. Er lachte, denn hier gefiel es ihm. Endlich war er ungestört, endlich war er fern von den Menschen und an einem Ort, wohin niemand kommen konnte! Zuweilen promenierte er durch sein lichterblitzendes Appartement, zwölf Gemächer, die die Maschine hinter sich herschleppte und die von einer köstlichen, ozongesättigten Luft erfüllt waren. Um neun Uhr telephonierte ihn Ethel an und er unterhielt sich zehn Minuten mit ihr. („Don’t smoke too much, Pa!“ sagte Ethel.) Dann las er die Telegramme. Plötzlich hielt der Zug. Sie stoppten in der großen Station im „heißen Stollen“. Lloyd sah durch ein Guckloch und unterschied eine Gruppe von Menschen, in deren Mitte Allan stand.
Lloyd dinierte, schlief und wieder hielt der Zug und die Fenster seines Salons waren geöffnet: er sah durch eine Glaswand hindurch auf ein blaues Meer hinaus und auf der andern Seite über eine unübersehbare Menschenmenge, die begeistert schrie. Azora. Sein Diener berichtete ihm, daß sie vierzig Minuten Verspätung hätten, da ein Ölbehälter leck geworden sei.
Hierauf wurden die Fenster wieder geschlossen. Der Zug stürzte sich in die Tiefe, und der alte, vertrocknete, kleine Lloyd begann vor Vergnügen zu pfeifen, was er seit zwanzig Jahren nicht getan hatte.