Frauen und Jünglinge, leset dies neue Buch — Ingeborg —, diesen zweiten Roman von Bernhard Kellermann. Die Liebe lebt darin und die Romantik. Und der Wald lebt darin und alle Jahreszeiten. Wahrhaftig ein närrisches Buch, aber weise und klug bei aller Narretei, denn die unerforschlichen, unabänderlichen Lebensgesetze sprechen daraus. Jung ist es, ganz jung-jung, und das Blut macht es unruhig, es fiebert vor Liebe. In einigen Märznächten, als der Föhn vor den Fenstern stürmte, habe ich es gelesen; mein Herz kam völlig aus dem Takt, und ich glaube nicht, daß der Föhn allein schuld war ... Mit einer kindlich zarten und zugleich unerhört verfeinerten Gabe wird hier von den heiligsten und besten Dingen gesprochen. Von Gott, von der Liebe, vom Wald ... Ich will mich mit diesem Buche nicht allein freuen. Jedem möchte ich es in die Hände drücken, der überhaupt noch einen Roman lesen kann.
(Die Zeit, Wien)
Der Tor
Roman. 10. Auflage. Geheftet 5 M., gebunden 6 M.
Hier sind Menschen, eine Fülle Menschen, nicht nur scharf voneinander geschieden und als Einzelgestalten deutlich in der Phantasie, sondern in Bewegung, im Zusammensein, im Gespräch in einer Vielzahl von Aktionen. Ich sehe alle, die im Eisenbahnkupee den Selbstmord des Dienstmädchens erörtern — wie hört man das Laute ihrer Reden, die Heftigkeit ihrer Diskussion und Überzeugungssucht das Rasseln und Knattern des Zuges übertönen! Der Liederkranzball, den fünf Kapitel umschließen, bleibt wie ein Erlebtes unverlöschlich in der Erinnerung: hier ist ein solcher Sturm, ein solches Getöse, ein solches Ineinanderspielen von Tätigkeiten und Gesprächen, von Trunk, Spiel, Streit und Hohn, ein solches Chaos bewegter Menschlichkeiten, aus dem die Gestalten des Helden und seiner Geliebten leuchtend hervortreten, ein solches Auf- und Abstürmen des lebendigsten Lebens, daß man im Lesen den Atem anhält, von der Fülle und Intensität einer ganz nahen Wirklichkeit bis an das eigene Fühlen wunderbar beherrscht ... Nicht Vergangenes erzählt dieser Dichter, wie alle vor und neben ihm: er trägt die Gegenwart. Sein Stil, knapp, rasch, ungeduldig, reißt hin. Kurze Sätze jagen hintereinander her, überstürzen sich, erleuchten und verdunkeln einander — dann wieder langsam hintereinander schreitend, lassen sie der Einbildungskraft Raum, das Bild, das sie halten, zu betrachten, das Gefühl, die unsichtbare Gottheit, der sie dienen, zu begreifen. Und wie sie dem Gefühl dienen! Jedes Wort, jeder Ausruf glaubt sich stark genug, das Göttliche durch sich offenbaren zu können, und ist doch so gering, daß alles nur hingestammelt wird, bebend, flehend, erstickt, überwältigt. Alles ist da, ist Leben, ist Augenblick. Geschehnis und Gedanke gehen ineinander über, eins aus dem andern hervor. Eh man sich’s versieht, biegt der Weg um: neue Landschaft erschließt sich dem Staunenden — man muß das Buch für Augenblicke sinken lassen, um sich zurückfinden zu können.
(Neue Freie Presse, Wien)
Das Meer
Roman. 10. Auflage. Geheftet 4 M., gebunden 5 M.
Diese Schilderung des Ozeans, des ewig unruhigen, brausenden, tobenden, gefräßigen, gespenstischen Ozeans, ist so ungeheuer plastisch und namentlich schon durch die Sprache so ausdrucksvoll, daß dem Leser gleichsam aus den Zeilen fortwährend das Rollen und Grollen des Meeres entgegentönt. Wie Wellen kommen die Sätze daher, häufen, übersprudeln sich, stehen still, plötzlich nur zu einem oder zwei Worten verdichtet, die gleich einem Kahn auf einer Wogenreihe tanzen, dann wieder in heftige, rasend schnelle, bizarr verknäuelte Bilder sich auflösend — es ist eine Tonmalerei, die wie orchestrale Symphoniemusik wirkt. Eine Sprachsymphonie: „Das Meer“! Und wir sehen und hören nicht nur das Meer, an der bretonischen Küste — nein! Mit einer grandiosen Phantasie führt er uns auf den Boden der See, in die Geisterhöhlen der Klippen, zwischen die Eisberge der nordischen Strömung, in die chinesischen Baien. Das Meer in der Mondnacht, im Sturm, in der Stille, den Schiffbruch des Dampfers und den Kampf des Fischerboots — alles zaubert dieser Poet mit vollendeter Kunst vor die staunende Seele. Dazu die Leute dieser Insel. Urzeit. Menschen ohne Kultur, aber auch ohne Kulturfäule. Prächtige, spitzbübisch-naive, tiertreue Menschen, die wie Kinder dumm, morallos, vertrauensselig und heftig sind ... Es ist eine Apotheose des Meeres, wie aus dem Munde heidnischer Priester. Gleichsam die Apotheose alles Großen, Unbekannten, nie zu Enträtselnden, das wir Natur nennen.
(Augsburger Abendzeitung)