Das war die Kohle über der Erde, und er, Mac, kannte sie und wußte in allen Dingen Bescheid — besser als der Vater und Fred! Es gab hier Dutzende von Knaben, die nach einem Jahr keine Ahnung hatten, woher die Kohle alle kam, dieser endlose Strom von Kohlenblöcken, die in die Waggons polterten. Tag und Nacht klirrten die eisernen Türen des Schachtes und der triefende Förderkorb spie Tag und Nacht, ohne Pause, vier eiserne Hunde voll Kohlen aus, fünfzig Zentner auf einmal. Tag und Nacht rasselten die Hunde über die Eisenplatten der Halle, Tag und Nacht drehten sie sich an einer bestimmten Stelle über einer Öffnung am Boden (wie Hühner am Spieß!) und schütteten die Kohle hinunter und liefen leer davon. Von da unten aber stieg die Kohle auf einem Paternosterwerk herauf und wurde auf großen Sieben hin und her gerüttelt und hier schrie die Kohle. Die große Kohle, die Förderkohle, ging in die Waggons und fort. Ja, well, das wußten auch die anderen Jungen, aber mehr nicht! Mac hatte sich schon nach einem Monat gesagt, daß die Hunde, die durch die Halle polterten, unmöglich all die Kohle bringen konnten! Und so war es. Täglich kamen Hunderte von Waggons an — von Uncle Tom II, Uncle Tom III und Uncle Tom IV — und sie alle kamen zu Uncle Tom I, weil hier die Wäschereien und Kokereien und der „chemische Betrieb“ waren. Mac hatte sich umgesehen und wußte alles! Er wußte, daß die Kohle, die durchs Sieb fiel, durch ein Paternosterwerk in die Wäscherei transportiert wurde. Hier lief sie durch Kessel, in denen das Wasser die Kohle fortspülte, während die Steine sanken. Die Kohle aber lief in eine Riesentrommel aus fünf Sieben, mit verschieden großen Löchern; hier ging sie herum, rasselnd und scharrend und wurde sortiert. Und die einzelnen Sorten liefen durch Kanäle zu verschiedenen Trichtern und fielen als Stückkohle, melierte Kohle, Nuß I, II, III, in die Eisenbahnwaggons und gingen fort! Die Feinkohle aber, all die Splitter und der Staub — die warf man fort, glaubst du? Nein! Frage Mac, den zehnjährigen Ingenieur, und er wird dir sagen, daß man die Kohle „aussaugt“, bis nichts mehr von ihr da ist. Dieser Kohlenschutt lief eine eiserne, durchlöcherte Treppe empor. Diese ungeheure Treppe voll grauen Schmutzes schien stillzustehen, aber wenn man genau hinsah, so sah man, daß sie sich langsam — ganz langsam bewegte. In genau zwei Tagen lief jede Stufe hinauf, kippte um und schüttete den Staub in ungeheure Trichter. Von da kam der Staub in die Koksöfen, wurde Koks, und die Gase wurden in den hohen schwarzen Teufeln niedergeschlagen und Teer, Ammoniak und alles mögliche daraus gemacht. Das war der „chemische Betrieb“ von Uncle Tom I und Mac wußte alles.

In seinem zehnten Jahr bekam Mac vom Vater einen dicken Anzug aus gelbem Tuch, eine wollene Halsbinde, und an diesem Tage fuhr er zum erstenmal ein — dahin, wo die Kohle herkam.

Die eisernen Schranken klirrten, die Glocke schlug an, der Korb stürzte ab. Zuerst langsam und dann rasend rasch, so schnell, daß Mac glaubte, der Boden, auf dem er saß, breche durch. Es wurde ihm einen Augenblick schwarz vor den Augen, sein Magen schnürte sich zusammen — dann aber hatte er sich zurechtgefunden. Mit einem gellenden Lärm sauste der eiserne Korb achthundert Meter tief hinab. Er schlug schwankend gegen die Führungsschienen, daß es klirrte und krachte, als springe er in Stücke. Das Wasser klatschte auf sie herab, die triefende schwarze Bretterverschalung des Schachtes flog im Schein ihrer Grubenlampen an den offnen Türen des Korbes in die Höhe. Mac sagte sich, daß es so sein müsse. Zwei Jahre lang hatte er täglich beim Schichtwechsel die Hauer und Bergleute mit ihren Lämpchen — die wie Glühwürmchen in der dunklen Halle tanzten — aus dem Korb steigen sehen und mit dem Korb versinken, und nur zweimal war etwas passiert. Einmal war der Korb gegen das Dach gefahren und die Leute hatten sich die Schädel eingeschlagen, das andere Mal war das Seil gerissen und zwei Steiger und ein Ingenieur waren in den Sumpf gestürzt. Das konnte vorkommen, aber es kam nicht vor.

Plötzlich hielt der Korb und sie waren auf Sohle 8, und es war auf einmal ganz still. Ein paar bis zur Unkenntlichkeit geschwärzte, halbnackte Gestalten empfingen sie.

„Du bringst uns deinen Jungen, Allan?“

„Yep!“

Mac befand sich in einem heißen Tunnel, der, beim Schacht schwach erleuchtet, sich rasch in Finsternis verlor. Nach einer Weile schimmerte in der Ferne eine Lampe, ein Schimmel erschien, Jay, der Pferdejunge — den Mac schon lange kannte — an der Seite, und hinterher rasselten zwanzig eiserne Hunde voller Kohlen.

Jay grinste. „Hallo! Da ist er ja!“ schrie er. „Mac, ich habe gestern noch drei drinks im Pokerautomaten gewonnen. Hej, hej, stop Boney!“

Diesem Jay wurde Mac beigegeben und einen ganzen Monat lang stapfte er wie ein Schatten an Jays Seite, bis er angelernt war. Dann verschwand Jay, und Mac besorgte die Arbeit allein.

Er war auf Sohle 8 zu Hause und dachte gar nicht daran, daß ein Junge von zehn Jahren etwas anderes sein könne als ein Ponyboy. Anfangs hatte ihn die Finsternis und mehr noch die unheimliche Stille hier unten bedrückt. Ja, was für ein fool war er doch gewesen, zu glauben, daß es hier unten von allen Seiten picken und klopfen würde! Es war im Gegenteil totenstill, wie in einer Gruft, aber man konnte pfeifen, verstehst du? Nur beim Schacht, wo der Korb lief und ein paar Leute die Hunde einschoben und herauszogen, bei den Flözen, wo die Hauer, zumeist unsichtbar für Mac, eingeklemmt zwischen dem Gestein hingen und die Kohle schlugen, war ein wenig Lärm. Eine Stelle aber gab es auf Sohle 8, wo ein furchtbarer Lärm war. Dort arbeiteten die Bohrer. Zwei Männer, die längst taub sein mußten, preßten die pneumatisch betriebenen Bohrer mit den Schultern gegen den Felsen, und hier war kein Wort zu verstehen.