Die Baracken waren verschwunden. Auf den Terrassen des Trasseneinschnittes blitzten Glasdächer: Maschinenhallen, Kraftstationen, an die turmhohe Bureaugebäude stießen. Mitten in der Steinwüste erhob sich ein zwanzigstöckiges Hotel: „Atlantic-Tunnel“. Es war kalkweiß, nagelneu und diente als Absteigequartier für die Scharen von Ingenieuren, Agenten, Vertretern großer Firmen, und für Tausende von Neugierigen, die jeden Sonntag von New York herüberkamen.
Gegenüber hatte Wannamaker ein vorläufig zwölf Stockwerke hohes Warenhaus errichtet. Breite Straßen, vollkommen fertig, liefen schnurgerade durch das Schuttfeld, Brücken spannten sich über den Trasseneinschnitt. An der Peripherie der Steinwüste aber lagen freundliche Arbeiterstädte mit Schulen, Kirchen, Spielplätzen, mit Bars und Saloons, die von ehemaligen Preisboxern oder Rennfahrern geleitet wurden. Fernab, in einem Walde kleiner Zwergföhren, stand einsam, vergessen und tot ein Gebäude, das einer Synagoge ähnlich sah: ein Krematorium mit langen leeren Kreuzgängen. Nur ein Gang enthielt schon Urnen. Und sie alle trugen die gleiche Inschrift unter den englischen, französischen, russischen, deutschen, italienischen, chinesischen Namen: Verunglückt beim Bau des Atlantic-Tunnels — beim Sprengen — verschüttet — von einem Zug überfahren: wie die Inschriften gefallener Krieger.
Nahe am Meere lagen die weißen neuen Hospitäler, nach modernsten Prinzipien erbaut. Hier unten, etwas abseits, stand in einem frischangelegten Garten eine neue Villa: Mauds Haus.
4.
Maud hatte soviel Macht als möglich in ihren kleinen Händen zusammengerafft.
Sie war Vorsteherin des Rekonvaleszentenheims für Frauen und Kinder von Mac City geworden. Ferner gehörte sie einem aus Ärzten und Ärztinnen gebildeten Komitee an, dem die Hygiene der Arbeiterwohnungen, die Pflege von Wöchnerinnen und Säuglingen oblag. Aus eigener Initiative hatte sie eine Handarbeits- und Haushaltungsschule für junge Mädchen gegründet, einen Kindergarten und einen Klub für Frauen und junge Mädchen, in dem an jedem Freitag kleine Vorlesungen und musikalische Vorträge stattfanden. Sie hatte reichlich zu tun. Sie hatte ihre „Office“, genau wie Mac, und beschäftigte eine Privatsekretärin und eine Stenotypistin. Eine Schar von Pflegerinnen und Lehrerinnen — übrigens Töchter der ersten Familien New Yorks — stand ihr zur Seite.
Maud tat niemand etwas zuleide, sie war rücksichtsvoll, freundlich, sonnig, ihr Anteil an fremden Schicksalen war aufrichtig, und so kam es, daß alle Welt sie liebte und viele sie verehrten.
Sie hatte in ihrer Eigenschaft als Mitglied des Hygienekomitees fast alle Arbeiterhäuser betreten. Im italienischen, polnischen und russischen Viertel hatte sie eine energische und siegreiche Kampagne gegen den Schmutz und das Ungeziefer ausgefochten. Sie hatte es durchgesetzt, daß alle Häuser von Zeit zu Zeit desinfiziert und von oben bis unten ausgefegt wurden. Die Häuser waren fast ganz aus Zement und ließen sich auswaschen wie eine Waschküche. Ihre Besuche hatten sie den Leuten nahe gebracht und sie stand ihnen mit Rat und Tat zur Seite, wo immer sie konnte. Ihre Wirtschaftsschule war bis auf den letzten Platz besetzt. Sie hatte ausgezeichnete Lehrerinnen engagiert, für die Küche sowohl als die Schneiderwerkstätte. Maud versäumte es nicht, zu kontrollieren und zu inspizieren, um ihre Institute fortwährend im Auge zu behalten. Eine ganze Bibliothek der einschlägigen Literatur hatte sie durchstudiert, um sich die nötigen theoretischen Kenntnisse anzueignen. Und es war ihr, bei Gott, nicht leicht geworden, alles so vortrefflich und gut zu schaffen, zumal sie von Natur aus keine besonderen organisatorischen Talente besaß. Aber es ging. Und Maud war stolz auf das Lob, das die Zeitungen ihren Einrichtungen spendeten.
Das Feld ihrer hauptsächlichen Tätigkeit aber war das Rekonvaleszentenheim für Frauen und Kinder.