Das Heim lag dicht neben ihrer Villa, sie brauchte nur zwei Gärten zu durchqueren. Sie erschien täglich Punkt neun Uhr morgens, um ihren Rundgang zu machen, interessierte sich für jeden einzelnen ihrer Schützlinge und half häufig aus eigener Kasse, wenn das Budget des Hospitals erschöpft war. Mit ganz besonderer Sorgfalt umgab sie die ihr anvertrauten Kinder.

Sie hatte Arbeit, Freude, Erfolge, ihre Beziehungen zu den Menschen und zum Leben waren fruchtbarer und reicher geworden, aber Maud war ehrlich genug sich einzugestehen, daß all das zusammen nicht imstande war, ihr das eheliche Glück zu ersetzen.

Zwei, drei Jahre lang hatte sie im reinsten Glück mit Mac gelebt — bis der Tunnel kam und ihn ihr entriß. Mac liebte sie ja noch, ja! Er war aufmerksam, liebenswürdig, gewiß, aber es war nicht mehr wie früher — keine Lüge!

Sie sah ihn jetzt häufiger als in den ersten Jahren des Baus. Er hatte wohl seine Bureaus in New York beibehalten, sich aber Arbeitsräume in der Tunnelstadt eingerichtet, wo er oft wochenlang mit kurzen Unterbrechungen blieb. Darüber hätte sie nicht klagen können. Aber Mac selbst hatte sich verändert. Seine Harmlosigkeit, sein naiver Frohsinn, die sie im Anfang ihrer Ehe so überrascht und entzückt hatten, verschwanden mehr und mehr. Ernst wie in der Arbeit und in der Öffentlichkeit war er auch zu Hause. Er gab sich Mühe, so heiter und gutgelaunt wie früher zu erscheinen, aber es gelang ihm nicht immer. Er war zerstreut, absorbiert von der Arbeit, und aus seinen Augen wich nicht jener scheinbar geistesabwesende Ausdruck, den die Konzentration auf ein und dieselbe Idee erzeugt. Seine Züge waren auch magerer und härter geworden.

Die Zeiten waren vorüber, da er sie auf den Schoß nahm und liebkoste, er küßte sie, so oft er kam und ging, sah ihr in die Augen, lächelte — aber ihr weiblicher Instinkt ließ sich nicht täuschen. Merkwürdigerweise hatte er, gehetzt von der Arbeit, all die Jahre hindurch nie mehr einen der „wichtigen Tage“ vergessen, wie Ediths oder ihren Geburtstag, ihren Hochzeitstag, Weihnachten. Aber Maud sah einmal zufällig, daß in seinem Taschenbuche diese Tage rot angestrichen waren — sie lächelte resigniert: er merkte sie sich mechanisch, nicht mehr mit dem Herzen, das ihn täglich daran erinnerte.

Es ging ihr nicht anders wie den meisten ihrer Freundinnen, deren Männer den Tag über in Fabriken, Banken und Laboratorien schufteten, sie anbeteten, mit Spitzen, Perlen und Pelzen behingen, sie zuvorkommend ins Theater führten, aber mit den Gedanken doch bei der Arbeit waren. Das Leben war nicht anders, aber sie, Maud, fand es entsetzlich, wenn es nicht anders war. Lieber wollte sie arm sein, unbekannt, fern von der Welt — dafür aber forderte sie ewige Liebe, ewige Zärtlichkeit. Ja, so wünschte sie es sich, obschon ihr das zuweilen töricht erschien.

Maud liebte es, nach getaner Arbeit bei einer Handarbeit zu sitzen und ihren Gedanken nachzuhängen. Dann kam sie immer auf die Zeit zurück, da Mac um sie warb. Er erschien ihr in der Erinnerung unendlich jung und naiv. Völlig unbewandert im Umgang mit Frauen, war er nicht auf originelle Gedanken verfallen, ihr seine Liebe zu verstehen zu geben. Blumen, Bücher, Konzert- und Theaterbillette, kleine Ritterdienste — ganz wie der banalste Mensch. Und doch gefiel ihr das an ihm, jetzt mehr als damals. Ganz unerwartet hatte er sein Benehmen aber dann geändert und war mehr jenem Mac ähnlich geworden, den sie jetzt kannte. Eines Abends hatte er ihr nach einer ausweichenden Antwort bestimmt und fast unhöflich gesagt: „Denken Sie darüber nach. Ich lasse Ihnen bis morgen um fünf Uhr Zeit. Wenn Sie sich dann noch nicht entschieden haben, so sollen Sie nie wieder ein Wort von mir darüber hören. Good bye!“ Und siehe da, Punkt fünf Uhr hatte er sich eingestellt ...! Maud erinnerte sich stets mit einem Lächeln an diese Szene, aber sie hatte auch nicht vergessen, mit welcher Bangigkeit sie die Nacht und den Tag darauf verbracht hatte.

Je weiter der Tunnel ihr Mac entführte, desto hartnäckiger, mit desto größerer Beharrlichkeit, die gleichzeitig wohltat und schmerzte, verweilten ihre Gedanken bei ihren ersten Spaziergängen, Gesprächen und harmlosen und doch so bedeutungsschweren kleinen Erlebnissen ihrer jungen Ehe. Sie hatte einen Groll gegen den Tunnel im Herzen! Sie haßte den Tunnel, denn er war stärker gewesen als sie! Ach, die kleine Eitelkeit der ersten Zeit war längst verflogen. Es war ihr einerlei, ob man Macs Namen in fünf Kontinenten kannte oder nicht. Wenn nachts der gespenstische Widerschein der brennenden Tunnelstadt in ihr Zimmer drang, so war ihr Haß dagegen oft so stark, daß sie die Läden schloß, um ihn nicht zu sehen. Sie hätte weinen mögen vor Groll, und zuweilen weinte sie auch, still und ungesehen. Wenn sie sah, wie die Züge sich in die Stollen stürzten, so schüttelte sie den Kopf. Es war Tollheit! Für Mac aber schien es nichts Selbstverständlicheres zu geben. Trotz alledem aber — und diese Hoffnung hielt sie aufrecht! — hoffte sie darauf, daß Mac wieder mit seinem Herzen zu ihr zurückkehren würde. Eines Tages mußte ihn der Tunnel doch wieder freigeben! Wenn der erste Zug lief ...

Aber, o guter Gott, das waren noch Jahre! Maud seufzte. Geduld, Geduld! Vorläufig hatte sie ihre Tätigkeit. Sie hatte ihre geliebte Edith, die sich zu einem kleinen Dämchen entwickelt hatte und mit neugierigen, klugen Augen ins Leben blickte. Sie hatte Mac öfter als früher. Sie hatte Hobby, der fast täglich bei ihr speiste, allerhand Schnurren erzählte und mit dem es sich so wunderbar plaudern ließ. Auch ihr Haushalt stellte größere Ansprüche an sie als früher. Denn Mac brachte häufig Gäste mit, berühmte Leute, deren Name so gewichtig war, daß ihnen Mac den Zutritt in den Tunnel erlaubte. Maud freute sich über jeden derartigen Besuch. Diese Berühmtheiten waren meistens ältere Herren, mit denen es sich leicht verkehren ließ. Denn alle hatten eine Eigenschaft gemeinsam: sie waren sehr einfach, um nicht zu sagen schüchtern. Es waren große Gelehrte, die geologische, physikalische und technische Fragen zu Mac führten und die oft wochenlang mit ihren Instrumenten in einer Station tausend Meter unter dem Meeresspiegel hausten, um irgend etwas herauszufinden. Mac aber verkehrte mit diesen Berühmtheiten ganz wie er mit ihr oder mit Hobby verkehrte.

Aber wenn sich diese großen Tiere verabschiedeten, so verbeugten sie sich vor Mac und drückten ihm die Hand und konnten ihm nicht genug danken. Und Mac lächelte sein bescheidenes und gutmütiges Lächeln und sagte: „Allright, sir!“ und wünschte ihnen gute Reise. Denn diese Leute kamen meist von weit her.