Sein Unglück war, daß er alle Dinge analysieren mußte und daß er Zeit gehabt hatte nachzudenken, in Pullmancars, in Steamerchairs. Er hatte an alle Menschen gedacht, denen er im Leben begegnet war und die sein Gedächtnis kinematographiert hatte. Er hatte diese Menschen untereinander verglichen und sich selbst mit diesen Menschen. Er war klug und kritisch. Und er hatte zu seinem nicht geringen Schrecken herausgefunden, daß er ein ganz alltäglicher Mensch war! Er kannte den Markt, den Weltmarkt, er war ein Kursbericht, ein Börsentelegraph, ein Mensch mit Zahlen angefüllt bis unter die Nägel seiner Zehen — aber was war er sonst? War er, was sie eine Persönlichkeit nannten? Nein. Sein Vater, der zweitausend Jahre hinter ihm zurück war, war trotz allem mehr Persönlichkeit als er. Er aber, er war Österreicher geworden, Deutscher, Engländer, Amerikaner. Bei all diesen Verwandlungen hatte er Haut gelassen und nun — was war er nun? Ja, der Teufel hätte sagen können, was er nun eigentlich war! Sein Gedächtnis, dieses abnorme Gedächtnis, das auf Jahre hinaus mechanisch die Nummer eines Eisenbahnwaggons behielt, in dem er von San Franzisko nach Chikago gefahren war, dieses Gedächtnis war wie ein ewig waches Gewissen. Er wußte, woher er diesen Gedanken hatte, den er als originales Produkt vorführte, diese Art, den Hut zu ziehen, diese Art, zu sprechen, diese Art, zu lächeln und diese Art, jemanden anzusehen, der ihn langweilte. Sobald er all dieses erkannt hatte, begriff er, weshalb sein Instinkt ihn gerade zu jener Pose geführt hatte, die die sicherste war: Ruhe, Würde, Schweigsamkeit. Und selbst diese Pose war aus Millionen Elementen zusammengesetzt, die er von anderen Menschen entlehnt hatte!
Er dachte an Allan, Hobby, Lloyd, Harriman. Sie alle waren Menschen! Bis auf Lloyd hielt er sie alle für beschränkt, für Leute, die nur „viereckig“ denken konnten, die überhaupt niemals dachten! Aber trotzdem waren sie Menschen, originelle Menschen, die man — selbst wenn man es nicht definieren konnte — als selbständige Persönlichkeiten empfand! Er dachte an Allans Würde. Worin lag sie? Wer konnte sagen, weshalb er würdig erschien? Niemand. Seine Macht, der — Schrecken, den er einflößte? Worin lag es? Niemand konnte es sagen. Dieser Allan hatte keine Pose, er war stets natürlich, einfach, er selbst und er wirkte! Er hatte oft Allans braunes, sommersprossiges Gesicht beobachtet. Es drückte weder Adel noch Genie aus und doch konnte er seinen Blick nicht sättigen an der Einfachheit, der Klarheit dieser Züge. Wenn Allan etwas sagte, nur leichthin, so genügte das schon. Niemand würde auch nur daran gedacht haben, seine Anordnungen zu ignorieren.
Nun, S. Woolf war nicht der Mann, der sich Tag und Nacht mit diesen Dingen beschäftigte. Zuweilen nur gab er sich damit ab, wenn der Zug durch die Landschaft glitt. Dann aber geriet er stets in eine unbehagliche und gereizte Verfassung.
Bei diesen Betrachtungen stieß er immer auf einen Punkt: das war sein Verhältnis zu Allan. Allan achtete ihn, er behandelte ihn zuvorkommend, kollegial — aber er behandelte ihn doch nicht wie die anderen, und er, S. Woolf, bemerkte das wohl.
Er hörte, wie Allan fast alle Ingenieure, Chefingenieure und Beamte einfach bei ihren Namen rief. Warum aber nannte er ihn stets „Herr Woolf“, ohne sich je zu versprechen? Aus Respekt? O nein, mein Sohn, dieser Allan hatte nur vor sich selbst Respekt! So lächerlich es S. Woolf auch selbst erschien, es war einer seiner intimsten Wünsche, daß Allan ihn eines Tages auf die Schulter klopfte und sagte: „Hallo, Woolf, how do you do?“ — Aber er wartete seit Jahren darauf.
Dann wurde es S. Woolf stets klar, daß er Allan haßte! Ja, er haßte ihn — ohne jeden Grund. Er wünschte, Allans Sicherheit erschüttert zu sehen, Allans Blick sollte einmal flackern, Allan sollte einmal abhängig von ihm sein.
S. Woolf war ganz heiße Leidenschaft, wenn er diese Gedanken erwog. Es war ja auch recht wohl möglich! Es konnte ein Tag kommen, da er, S. Woolf —! Weshalb sollte es nicht möglich sein, daß seine Stellung eines Tages einer absoluten Beherrschung des Syndikats gleichkäme?
S. Woolf legte die orientalischen Augendeckel über seine schwarzen, glänzenden Augen und seine fetten Wangen zitterten.
Das war der kühnste Gedanke, den er in seinem Leben gedacht hatte, und dieser Gedanke hypnotisierte ihn.